Die ReihenfolgeWarum die Gebührenfrage zuletzt kommt
Ordergebühren bewegen einige Euro im Jahr, die Wahl der steuerlichen Hülle bewegt bei sechsstelligen Depots über zwanzig Jahre einen fünfstelligen Betrag.
Ein Depotwechsel wegen 30 Cent Ordergebühr ist schnell erledigt und fühlt sich nach Optimierung an. Die Frage, ob dieses Depot überhaupt an der richtigen Stelle geführt wird, ist unbequemer — sie berührt Rechtsform, Steuerstatus und die Frage, wann du an das Geld willst. Genau deshalb wird sie übersprungen.
Die Reihenfolge, die trägt:
In dieser Reihenfolge entscheiden:
- Wofür ist das Geld da? Altersvorsorge, Entnahme in fünf Jahren, Vermögen für die nächste Generation — das bestimmt Anlagehorizont und Risikotragfähigkeit, und damit alles Weitere.
- Aus welchen Bausteinen? Aktien, Fonds und ETFs, Anleihen, Liquidität — jeder Baustein hat eine Aufgabe, und keiner erfüllt alle.
- In welcher Hülle? Privatdepot, Gesellschaft oder geförderter Vertrag. Diese Entscheidung ist im Nachhinein am teuersten zu korrigieren.
- Bei welchem Anbieter? Erst hier zählen Kosten, Ausführungsplätze und Bedienbarkeit.
Die ersten drei Fragen entscheiden über das Ergebnis. Die vierte über den Komfort.
Die BausteineWoraus ein Depot besteht
Ein Depot ist kein Produkt, sondern eine Zusammenstellung: Aktien liefern Wachstum, Anleihen Planbarkeit, Liquidität Handlungsfähigkeit. Die Mischung macht das Risiko, nicht der einzelne Titel.
Aktien und ETFs — der Wachstumsteil
Hier entsteht der Ertrag, der über die Inflation hinausgeht — und hier entsteht die Schwankung. Die erste Entscheidung ist nicht die Titelauswahl, sondern die Frage nach dem Zugangsweg: breiter Index oder ausgewählte Einzelwerte. Beides hat Berechtigung, aber unterschiedliche Anforderungen an Zeit und Nerven. Warum aktiv verwaltete Fonds ihren Index mehrheitlich nicht schlagen, steht in Warum Fonds den Index nicht schlagen; worauf es bei der ETF-Auswahl tatsächlich ankommt, in ETF auswählen. Und die Frage, ob ein Index wirklich so breit streut, wie er verspricht, ist einen eigenen Blick wert — er ist konzentrierter, als die meisten denken.
Anleihen — der Planbarkeitsteil
Lange waren sie überflüssig, weil sie nichts abwarfen. Seit der Zinswende sind sie zurück, und damit auch die Frage, wie viel Aktienrisiko sich überhaupt noch lohnt, wenn es sichere Zinsen gibt. Genau das rechnen wir in Sichere Zinsen oder Aktienrisiko? über fünfzig Jahre Marktdaten durch. Die Mechanik dahinter — warum ein Anleihekurs fällt, wenn die Zinsen steigen — steht in Anleihen verstehen, die praktische Umsetzung in Anleihen kaufen.
Liquidität — der Teil, der nichts verdienen soll
Geld, das in den nächsten Jahren gebraucht wird, gehört weder in Aktien noch in langlaufende Anleihen. Seine Aufgabe ist nicht Rendite, sondern zu verhindern, dass im falschen Moment verkauft werden muss. Wie die Bausteine zusammenspielen und in welchem Verhältnis, behandelt Asset-Allokation; warum die Aufteilung regelmäßig zurückgesetzt werden muss, Rebalancing.
Die HülleAsset Location: wo das Depot liegt
Für dieselben Wertpapiere gibt es drei grundsätzlich verschiedene Orte — Privatdepot, Gesellschaft und geförderter Altersvorsorgevertrag —, und sie werden völlig unterschiedlich besteuert.
Das ist der Punkt, an dem sich Ergebnisse trennen. Nicht durch bessere Wertpapierauswahl, sondern durch die Hülle:
Die drei Orte im Überblick:
- Privatdepot. Erträge unterliegen der Abgeltungsteuer von 25 % zuzüglich Solidaritätszuschlag, bei Aktienfonds mit 30 % Teilfreistellung. Dafür volle Verfügbarkeit, keine Struktur, keine laufenden Kosten.
- Gesellschaft. Kursgewinne aus Direktaktien sind über § 8b KStG zu 95 % steuerfrei — effektiv bleiben rund 1,5 % Belastung. Zwei Einschränkungen: Das gilt nicht für Fondsanteile, und beim Weg ins Privatvermögen kommt eine zweite Steuerebene hinzu — wie hoch sie ausfällt, hängt allerdings stark davon ab, wie entnommen wird.
- Altersvorsorgedepot. Ab 2027 wächst hier alles steuerfrei, ohne Vorabpauschale, dazu kommen Zulagen. Der Preis ist die Bindung: Auszahlung frühestens mit 65.
Die Rechnung, nach der immer gefragt wird
Der Einwand kommt zuverlässig: Lohnt sich die Gesellschaft denn nun oder nicht? Die ehrliche Antwort hängt an einer einzigen Bedingung — ob das Geld in der Gesellschaft bleibt.
100.000 € über 20 Jahre bei 7 % p. a. → 386.968 € vor Steuern
Gesellschaft, Direktaktien 382.689 € § 8b KStG, effektiv ~1,5 %
Privatdepot, Aktien-ETF 333.987 € Abgeltungsteuer, 30 % Teilfreistellung
Gesellschaft, Aktien-ETF 327.057 € § 8b greift für Fonds NICHT
Privatdepot, Direktaktien 311.281 € keine Teilfreistellung
Modellrechnung, Stand 2026. Ohne Kirchensteuer, ohne Strukturkosten,
ohne Sparer-Pauschbetrag.
In der Gesellschaft ist der ETF das schlechtere Instrument. § 8b KStG begünstigt Kursgewinne aus Direktaktien, nicht aus Fondsanteilen. Wer eine Gesellschaft gründet und dann einen Welt-ETF hineinlegt, hat die Struktur gebaut, aber den Vorteil nicht genutzt — er landet sogar unter dem privaten ETF-Depot. Warum das so ist, steht in § 8b KStG erklärt.
Und wenn das Geld privat gebraucht wird?
Dann entscheidet nicht die Struktur, sondern die Entnahmeplanung: Zwischen dem naivsten und dem durchdachten Weg liegen bei diesem Beispiel über 65.000 €.
Hier wird meistens zu kurz gerechnet. Der Standardeinwand lautet, in der Gesellschaft komme beim Herausholen eine zweite Steuerebene dazu und fresse den Vorteil auf. Das stimmt — aber nur für den ungeplanten Fall, dass alles auf einmal ausgeschüttet wird:
382.689 € liegen in der Gesellschaft. Was kommt privat an?
Alles auf einmal, Abgeltungsteuer 26,375 % 308.130 €
Teileinkünfteverfahren, 42 % Grenzsteuersatz 307.533 €
Teileinkünfteverfahren, 30 % Grenzsteuersatz 329.006 €
Teileinkünfteverfahren, 25 % Grenzsteuersatz 337.953 €
Gestreckt über 10 Jahre, ohne weiteres Einkommen 373.823 €
Zum Vergleich: Privatdepot mit Aktien-ETF 333.987 €
Beim Teileinkünfteverfahren nach § 32d Abs. 2 Nr. 3 EStG sind nur 60 % der Ausschüttung steuerpflichtig, dafür zum persönlichen Satz. Das lohnt sich, sobald dieser Satz unter etwa 42 % liegt — und im Ruhestand liegt er das meistens. Voraussetzung ist eine Beteiligung von mindestens 25 %, oder von mindestens 1 % bei beruflicher Tätigkeit für die Gesellschaft.
Noch deutlicher wird es, wenn nicht alles in einem Jahr abfließt. Wer die Entnahme über zehn Jahre streckt und in dieser Zeit keine wesentlichen anderen Einkünfte hat, bleibt mit jeder Jahresrate im unteren Tarifbereich — die effektive Belastung des gesamten Gewinns sinkt dann auf rund 3 %. Das ist kein Trick, sondern schlicht die Progression des Einkommensteuertarifs, angewandt statt ignoriert.
Die Gesellschaft belohnt Thesaurierung und Geduld. Bestraft wird nicht die Entnahme, sondern die ungeplante Entnahme.
Welche Wege es außerdem gibt — Geschäftsführergehalt, Darlehen, Veräußerung, Liquidation — und welcher wann trägt, steht in Geld aus der Holding holen. Wichtig dabei: Diese Rechnung unterstellt, dass im Entnahmezeitraum tatsächlich kaum anderes Einkommen anfällt. Wer daneben Rente, Mieten und Kapitalerträge bezieht, landet schnell wieder in der Progression — dann schrumpft der Vorteil.
Die vollständige Gegenüberstellung mit Strukturkosten und Break-even steht in Depot privat oder über die Gesellschaft; die Frage, ab welcher Größenordnung sich der Aufwand überhaupt lohnt, in Ab wann sich Asset Location rechnet. Welcher Baustein in welche Hülle gehört, ordnet Was gehört wohin.
Die dritte Hülle, die ab 2027 dazukommt
Das Altersvorsorgedepot ist keine Variante des Privatdepots, sondern ein eigener Ort mit eigenen Regeln: steuerfreies Wachstum ohne Vorabpauschale, staatliche Zulagen von bis zu 540 € im Jahr, dafür Bindung bis 65 und eine Einzahlungsgrenze. Für den Teil des Vermögens, der ohnehin für die Rente gedacht ist, ist das eine ernstzunehmende dritte Option — und sie konkurriert nicht mit den anderen beiden, sondern ergänzt sie.
Der PreisWas der Fiskus vom Depot hat
Nicht der Steuersatz unterscheidet die Anlagen, sondern der Zeitpunkt: Zinsen werden jährlich besteuert, Kursgewinne erst beim Verkauf.
Zinsen, Dividenden und Kursgewinne unterliegen im Privatvermögen alle derselben Abgeltungsteuer und teilen sich denselben Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € beziehungsweise 2.000 €. Einen pauschalen Steuervorteil „der Aktie" gibt es nicht. Was es gibt, ist der Stundungseffekt — und der wirkt über Jahrzehnte erheblich. Die Details, inklusive Vorabpauschale und Teilfreistellung, stehen in Steuern auf Kapitalerträge. In welcher Reihenfolge beim Verkauf abgerechnet wird und warum das den Steuerbetrag verändert, klärt Aktien verkaufen: die Reihenfolge.
Das EndeWenn das Depot zahlen soll
Ein Depot in der Entnahmephase folgt anderen Regeln als eines im Aufbau — vor allem, weil die Reihenfolge der Renditen plötzlich zählt.
Solange eingezahlt wird, ist ein Kurseinbruch eine Gelegenheit. Sobald entnommen wird, ist er ein Problem: Wer in einem schwachen Jahr verkaufen muss, verkauft mehr Anteile für dieselbe Summe und kann diesen Verlust nie wieder aufholen. Dieses Sequenzrisiko ist der Grund, warum Entnahmeregeln existieren — und warum eine starre Prozentregel gefährlich sein kann. Nachzulesen in Die 4-%-Regel, Guardrails und Sequenzrisiko.
Der AnfangWomit du anfängst
Mit der Frage, wofür das Geld da ist — nicht mit der Frage, welcher Broker der günstigste ist.
Wenn du diese Seite von oben liest, hast du die Reihenfolge bereits: Zweck, Bausteine, Hülle, dann Anbieter. Für die meisten ist das Privatdepot der richtige Ort, und das ist kein Kompromiss — es ist flexibel, kostenlos und steuerlich berechenbar. Eine Gesellschaft lohnt sich erst, wenn Vermögen reinvestiert statt entnommen wird und die Größenordnung die Strukturkosten trägt. Und der geförderte Vertrag lohnt sich für den Teil, der ohnehin bis zur Rente liegen bleibt.
Was in keinem dieser Fälle hilft, ist der Wechsel zum Broker mit 20 Cent weniger Ordergebühr.
Die Rechenbeispiele auf dieser Seite sind Modellrechnungen und keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Steuerliche Angaben nach dem Rechtsstand 2026: Abgeltungsteuer 25 % zuzüglich Solidaritätszuschlag, Teilfreistellung 30 % für Aktienfonds im Privatvermögen (§ 20 Abs. 1 InvStG), § 8b KStG mit 5 % nicht abziehbaren Betriebsausgaben. Kirchensteuer, Sparer-Pauschbetrag, Strukturkosten einer Gesellschaft und Gewerbesteuerhebesätze sind nicht berücksichtigt; die individuelle Belastung weicht ab. Ob eine Gesellschaft im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von Faktoren ab, die eine Modellrechnung nicht abbilden kann — das gehört in die Hand eines Steuerberaters.