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Sichere Zinsen oder Aktienrisiko? Ab wann sich das Risiko nicht mehr lohnt

Eine sichere Anleihe zahlt heute rund 3 %. Der Weltaktienmarkt schüttet gut 1 % Dividende aus — alles Weitere ist Kurshoffnung. Warum also überhaupt Schwankungen aushalten? Die Frage ist berechtigt, und sie hat eine rechenbare Antwort.

Die meisten Texte über Anleihen handeln von Diversifikation: Puffer, Beimischung, Stabilisator. Das ist richtig, weicht aber der eigentlichen Frage aus. Sie lautet nicht „wie viel Anleihen", sondern: Ab welchem sicheren Zins ist Aktienrisiko schlicht nicht mehr bezahlt? Seit 2022 sind die Zinsen deutlich gestiegen — damit stellt sich diese Frage zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt wieder ernsthaft. Sie lässt sich rechnen, mit fünfzig Jahren Marktdaten statt mit einer Meinung.

Der MaßstabWas „risikofrei" überhaupt heißt

Als risikofreier Zins gilt in der Praxis die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen — nicht weil ein Ausfall unmöglich wäre, sondern weil er als so unwahrscheinlich gilt, dass der Markt ihn kaum bepreist.

Wer eine zehnjährige Bundesanleihe kauft und bis zur Fälligkeit hält, kennt seine nominale Rendite am Tag des Kaufs. Kein Vorstand, keine Konjunktur, kein Kurssturz ändert daran etwas. Genau deshalb dient dieser Zins in der Finanzwissenschaft als Nullpunkt: Alles, was ein Anleger darüber hinaus verdienen will, muss er sich mit Risiko erkaufen.

Streng genommen ist auch der Bund nicht ausfallfrei. Wer es ganz sauber möchte, zieht von der Bundesanleihen-Rendite die Prämie ab, die der Markt für eine Ausfallversicherung auf Deutschland verlangt — den Credit Default Swap. Diese Prämie bewegt sich für Deutschland im einstelligen Basispunktbereich, also im Bereich von Hundertstel-Prozentpunkten. Für die Frage, um die es hier geht, ändert dieser Abzug nichts an der Größenordnung. Wir rechnen deshalb mit der Bundesanleihen-Rendite selbst und halten fest: de facto ausfallsicher, nicht de jure.

Ein Wort zum Währungsraum, weil hier oft falsch argumentiert wird. Eine US-Staatsanleihe zahlt für einen Euro-Anleger nicht deshalb mehr, weil sie riskanter wäre — der Zinsunterschied spiegelt die Erwartung unterschiedlicher Inflation, und wer absichert, landet über die gedeckte Zinsparität ungefähr beim heimischen Niveau. Daraus folgt aber nicht, dass ausländische Anleihen als Vergleich ausscheiden. Denn wer den MSCI World hält, hat sein Geld ohnehin überwiegend in US-Werten liegen und trägt dasselbe Wechselkursrisiko. Auf beiden Seiten dieselbe Währung — dann hebt sich der Effekt auf.

Sauber ist der Vergleich also, wenn man die Währungsräume gleich hält: US-Aktien gegen US-Staatsanleihen, europäische Aktien gegen Bundesanleihen. Schief wird er nur, wenn man eine hochverzinsliche Fremdwährungsanleihe gegen ein heimisches Aktienportfolio stellt und die Zinsdifferenz für geschenkt hält. Für die Rechnungen in diesem Artikel bleiben wir bei der Bundesanleihe als Maßstab — die Aussagen gelten für jeden Währungsraum gleichermaßen, solange man beide Seiten aus demselben nimmt.

Der risikofreie Zins ist kein Ertrag. Er ist die Messlatte, an der sich jeder Ertrag rechtfertigen muss.

Die PrämieDie Risikoprämie — und der Vergleichsfehler

Aktien müssen mehr abwerfen als sichere Anleihen, sonst würde sie niemand halten — aber wie viel mehr, ist keine Konstante, sondern das Ergebnis von Angebot und Nachfrage.

Der Aufschlag, den Anleger für das Aushalten von Schwankungen verlangen, heißt Risikoprämie. Sie ist der Grund, warum ein weltweites Aktienportfolio langfristig mehr abgeworfen hat als eine Staatsanleihe. Sie ist aber nichts, was garantiert wäre. Sie ist eine Erwartung, keine Zusage.

Und daraus folgt der Punkt, um den es hier geht: Wenn der sichere Zins steigt, muss der Aktienmarkt mehr liefern, um überhaupt noch attraktiv zu sein. Bei einem sicheren Zins von 0,5 % — wie über Jahre üblich — war die Sache einfach: Fast jede erwartbare Aktienrendite schlug das. Bei 3 % wird es enger. Bei 6 % oder 8 % wird die Frage ernst.

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen lag im August 2026 bei rund 3 % und damit auf dem höchsten Stand seit über einem Jahrzehnt. Genau das macht die Frage aktuell, die zehn Jahre lang niemand stellen musste.

„Steigende Zinsen sind Gift für Aktien" — was seit 2022 wirklich passierte

Der Satz stimmt für den Moment des Zinsanstiegs, aber nicht für die Zeit danach: 2022 verlor der MSCI World 18 %, in den beiden Folgejahren legte er trotz hoher Zinsen 23,7 % und 19,0 % zu.

Seit 2022 sind die Zinsen kräftig gestiegen — das ist keine Prognose, sondern beobachtbare Vergangenheit, und genau deshalb stellt sich die Frage heute überhaupt. Wer damals sagte, steigende Zinsen seien Gift für den Aktienmarkt, hatte für das erste Jahr recht:

MSCI World seit der Zinswende 2021 +21,7 % Zinsen noch am Boden 2022 −18,0 % Zinswende, der befürchtete Einbruch 2023 +23,7 % hohe Zinsen — und trotzdem 2024 +19,0 % hohe Zinsen — und trotzdem 2022–2024 zusammen: +6,5 % pro Jahr

Über die drei Jahre der Hochzinsphase blieben unterm Strich 6,5 % pro Jahr — etwa das Doppelte dessen, was eine Bundesanleihe im selben Zeitraum sicher gezahlt hätte, aber eben mit einem Zwischenjahr von −18 %. Beides gehört zur Wahrheit: Der Einbruch kam tatsächlich, und er war vorübergehend.

Der Grund für dieses Muster liegt in der Mechanik. Steigt der sichere Zins, fallen die Aktienkurse zunächst, weil künftige Gewinne stärker abgezinst werden. Genau dieser Kursrückgang hebt aber die erwartete Rendite für alle, die danach kaufen. Ein Markt, in dem sicher 6 % zu holen sind, preist Aktien nicht auf eine Erwartung von 8 % — sonst würde sie niemand kaufen. Er preist sie auf 6 % plus Risikoprämie.

Deshalb ist es ein Denkfehler, einen heutigen Zins gegen einen historischen Aktien-Durchschnitt zu stellen. Der Durchschnitt stammt aus fünfzig Jahren mit sehr unterschiedlichen Zinsniveaus; er ist keine Konstante, die unabhängig davon gilt.

Der Abstand zwischen beiden ist die Größe, um die es geht. Nicht das Niveau der einen Seite.

Der laufende Ertrag: Hier hat sich das Verhältnis wirklich gedreht

Die Dividendenrendite des Weltaktienmarkts liegt deutlich unter dem, was eine sichere Anleihe heute zahlt — wer Aktien für den laufenden Ertrag kauft, bekommt weniger als beim Zins.

Das ist der Punkt, an dem die Frage am schärfsten wird. Denn wenn man nur die laufenden Erträge nebeneinanderlegt, gewinnt die Anleihe derzeit klar:

Laufender Ertrag im Vergleich Bundesanleihe 10 J rund 3,0 % vertraglich zugesagt ─────────────────────────────────────────────────────────────────── MSCI World (Dividende) 1,2 % kann gekürzt werden S&P 500 (Dividende) 1,3 % kann gekürzt werden DAX (Dividende) 2,8 % kann gekürzt werden Euro Stoxx 50 (Dividende) 3,1 % kann gekürzt werden Dividendenrenditen laut eigener Datenbasis; sie sinken, wenn die Kurse steigen, und schwanken mit der Ausschüttungspolitik der Unternehmen.

Beim Weltindex stehen also gut ein Prozent Dividende gegen rund drei Prozent sicheren Zins. Bei europäischen Werten liegen beide etwa gleichauf. Die Dividendenrenditen sind unter anderem deshalb so niedrig, weil die Kurse in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind — eine hohe Bewertung drückt die Rendite auf das eingesetzte Kapital.

Daraus folgt eine unbequeme Klarheit: Wer heute einen breiten Aktienindex kauft, kauft ihn nicht wegen der laufenden Erträge. Die gesamte erwartete Mehrrendite gegenüber der Anleihe steckt in der Kurssteigerung — also in dem Teil, der weder zugesagt noch garantiert ist. Bei der Anleihe ist es umgekehrt: Der Ertrag steht im Vertrag, das Kurspotenzial ist begrenzt.

Aktien zahlen dir heute weniger aus als eine sichere Anleihe. Alles Weitere ist eine Wette auf den Kurs.

Die Zwischenstufe, die dabei meist übersehen wird

Zwischen der Bundesanleihe und dem Aktienmarkt liegt kein leerer Raum, sondern ein ganzes Spektrum — von anderen Staaten bis zu Anleihen sehr solider Unternehmen.

Die Frage wird fast immer als Entweder-oder gestellt: sicherer Zins oder Aktie. Tatsächlich gibt es dazwischen Abstufungen, die deutlich mehr zahlen als der Bund, ohne gleich Aktienrisiko zu bedeuten. Andere Staaten der Eurozone mit solider Bonität liegen üblicherweise etwas darüber, ohne dass sich das Ausfallrisiko spürbar unterscheidet. Und Anleihen großer, etablierter Unternehmen zahlen einen Aufschlag, der die zusätzliche Ausfallwahrscheinlichkeit abgelten soll.

Genau hier wird es allerdings interessant — und heikel. Wer sich bei einem Unternehmen sicher ist, dass es in zehn Jahren noch existiert, bekommt dessen Anleihezins ohne Kursschwankung und ohne Beteiligung am Geschäftsrisiko. Nur ist diese Sicherheit trügerisch: Die Frage, welches Unternehmen in zehn Jahren noch steht, hätte man vor zehn Jahren für viele heute strauchelnde Konzerne ebenso zuversichtlich beantwortet. Der Aufschlag ist kein Geschenk für Mutige, sondern der Preis, den der Markt für genau diese Unsicherheit verlangt.

Praktisch bedeutet das: Wer den Aufschlag will, aber nicht auf einen einzelnen Schuldner setzen möchte, streut ihn über einen Anleihen-ETF — dann trägt ein einzelner Ausfall das Ergebnis nicht. Wie das geht, steht in Anleihen kaufen: Einzelanleihe oder ETF?

Die ZahlenDie Rechnung: Wie oft blieb der Aktienmarkt darunter?

Über alle rollierenden Zehnjahreszeiträume seit 1975 blieb der MSCI World in 3 von 41 Fällen unter 3 % pro Jahr — bei einer Messlatte von 8 % waren es dagegen 15 von 41.

Statt zu behaupten, „Aktien bringen langfristig mehr", lässt sich das auszählen. Wir nehmen die tatsächlichen Kalenderjahresrenditen des MSCI World von 1975 bis 2024, legen jeden möglichen Startzeitpunkt darüber und fragen: In wie vielen dieser Zeiträume hätte ein sicherer Zins in Höhe X den Aktienmarkt geschlagen?

Anteil der Zeiträume, in denen der MSCI World UNTER dem sicheren Zins blieb MSCI World 1975–2024, alle rollierenden Fenster sicherer Zins 1 Jahr 5 Jahre 10 Jahre 15 Jahre 20 Jahre ───────────────────────────────────────────────────────────────── 2 % 24 % 13 % 5 % 0 % 0 % 3 % 26 % 20 % 7 % 0 % 0 % 4 % 26 % 22 % 10 % 3 % 0 % 5 % 30 % 26 % 12 % 17 % 6 % 6 % 32 % 30 % 17 % 22 % 19 % 7 % 32 % 37 % 22 % 39 % 29 % 8 % 36 % 41 % 37 % 47 % 45 % Anzahl Fenster: 50 46 41 36 31

Die Tabelle beantwortet die Ausgangsfrage präziser als jede Faustregel. Bei einem sicheren Zins um 3 % und zehn Jahren Haltedauer hätte die Anleihe den Weltaktienmarkt in 7 % der Fälle geschlagen — in 93 % nicht. Das Risiko war also in aller Regel bezahlt.

Bei 8 % dreht sich das Bild: Dann hätte der sichere Zins in 37 % der Zehnjahreszeiträume gewonnen, bei zwanzig Jahren sogar in 45 %. Deine Intuition stimmt also: Ab einem gewissen Zinsniveau ist Aktienrisiko rechnerisch nicht mehr zu rechtfertigen. Nur liegt diese Schwelle nicht bei 3 %, sondern deutlich höher.

Zum Einordnen — was der MSCI World tatsächlich lieferte:
  • Einzeljahre: Median 15,8 %, aber 12 von 50 Jahren im Minus. Schlechtestes Jahr −40,3 % (2008), bestes +42,6 %.
  • 10-Jahres-Zeiträume: schlechtester −0,4 % pro Jahr (Start 1999), Median 9,7 %, bester 19,4 %.
  • 20-Jahres-Zeiträume: schlechtester 4,6 % pro Jahr (Start 1999), Median 8,3 %, bester 15,4 %.
  • Verlustzeiträume: 24 % der Einzeljahre, 5 % der Zehnjahreszeiträume, 0 % der Fünfzehn- und Zwanzigjahreszeiträume.

Der Aktienmarkt hat historisch nicht immer gewonnen. Er hat mit zunehmender Haltedauer immer seltener verloren.

Die VariableDer Zeithorizont ist die eigentliche Variable

Nicht die Höhe des Zinses entscheidet zuerst, sondern wie lange du das Geld nicht brauchst — dieselbe Zahl führt bei drei Jahren zu einer anderen Antwort als bei zwanzig.

Lies die Tabelle noch einmal senkrecht statt waagerecht. Bei einem Jahr Haltedauer verlor der Aktienmarkt gegen einen 3-%-Zins in gut jedem vierten Fall. Bei zehn Jahren in 7 %. Bei fünfzehn und zwanzig Jahren in keinem einzigen. Die Schwankung verschwindet nicht — sie wird nur über die Zeit verdaut.

Daraus folgt die einzige wirklich belastbare Regel dieses Artikels: Geld, das du in den nächsten drei bis fünf Jahren brauchst, gehört nicht in Aktien — unabhängig davon, wie überzeugend die Renditeerwartung klingt. Und umgekehrt: Für Geld, das zwanzig Jahre liegen bleibt, war die Anleihe historisch die teurere Wahl, selbst bei ordentlichem Zins.

Das ist auch die saubere Antwort auf „warum nicht einfach die sicheren 3 % nehmen?". Weil die Frage unvollständig ist. Sie muss lauten: sichere 3 % — für welchen Zeitraum?

Die SteuerWas die Steuer daran ändert — und was nicht

Am Steuersatz liegt es nicht: Zinsen, Dividenden und Kursgewinne werden alle mit 26,375 % belastet. Der Unterschied entsteht erst dadurch, wann der Fiskus zugreift.

Ein verbreiteter Irrtum lautet, Aktien seien steuerlich bevorzugt. Sie sind es nicht. Auf eine Dividende aus einer Einzelaktie zahlst du exakt so viel wie auf einen Anleihekupon, und beide teilen sich denselben Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € (2.000 € bei Zusammenveranlagung). Bei 3 % Ertrag bleiben damit rund 33.000 € Anlagevermögen ohnehin steuerfrei — darunter ist die Frage eine reine Rendite- und Risikofrage.

Ein struktureller Unterschied bleibt aber: Der Zins fließt jedes Jahr zu und wird jedes Jahr besteuert. Ein Kursgewinn wird erst beim Verkauf besteuert und arbeitet bis dahin vollständig weiter.

100.000 €, 20 Jahre, jeweils 7 % vor Steuern Anleihe, Zins jährlich versteuert 273.209 € Aktie, erst beim Verkauf versteuert 311.281 € +13,9 % Gleiche Rendite, gleicher Steuersatz — nur ein anderer Zeitpunkt.

Bei Anteilen an Aktienfonds kommt eine Teilfreistellung von 30 % hinzu (§ 20 Abs. 1 InvStG), die es für Direktaktien nicht gibt; dafür greift dort jährlich die Vorabpauschale. Im Betriebsvermögen kehrt sich das Bild noch einmal: Kursgewinne aus Direktaktien sind über § 8b KStG zu rund 95 % steuerfrei, Zinsen dagegen voll steuerpflichtig — mehr dazu in Asset Location.

Die Steuer entscheidet die Frage nicht. Sie verschiebt die Schwelle um etwa einen halben Prozentpunkt — mehr nicht.

Die PointeDer Denkfehler: „sicher" heißt nominal, nicht real

Eine Bundesanleihe garantiert dir einen Betrag, keine Kaufkraft — bei 3 % Zins und 3 % Inflation verlierst du nach Steuern real jedes Jahr Geld.

Das ist der Punkt, an dem die Sicherheitsrechnung kippt. Der Kupon ist nominal garantiert. Was du dir dafür kaufen kannst, ist es nicht. Rechnet man Abgeltungsteuer und Inflation gegen den Zins, bleibt oft nichts übrig:

Realer Ertrag des sicheren Zinses — nach Steuer UND Inflation Zins ╲ Inflation 1,0 % 2,0 % 3,0 % 4,0 % ────────────────────────────────────────────────────────── 2,00 % 0,47 % −0,52 % −1,48 % −2,43 % 3,00 % 1,20 % 0,20 % −0,77 % −1,72 % 4,00 % 1,93 % 0,93 % −0,05 % −1,01 % 5,00 % 2,65 % 1,65 % 0,66 % −0,31 % 6,00 % 3,38 % 2,37 % 1,38 % 0,40 % Negative Werte bedeuten: Der Betrag wächst, die Kaufkraft schrumpft.

Bei 3 % Zins und 3 % Inflation liegt der reale Ertrag nach Steuern bei −0,77 % pro Jahr. Über zehn Jahre summiert sich das auf einen Kaufkraftverlust von rund sieben Prozent — bei einer Anlage, die als die sichere galt. Sicher war nur, dass der Betrag zurückkommt. Nicht, was er dann noch wert ist.

Genau hier liegt der Unterschied zwischen den beiden Risiken. Aktien tragen ein sichtbares Risiko: Der Kurs schwankt, man sieht es täglich. Anleihen tragen ein unsichtbares: Die Kaufkraft erodiert lautlos, ohne dass je ein roter Kurs erscheint. Menschen fürchten das sichtbare Risiko deutlich stärker — obwohl das unsichtbare über lange Zeiträume mehr Vermögen gekostet hat.

Die Anleihe schützt dein Geld vor Schwankung. Sie schützt es nicht vor Inflation. Das sind zwei verschiedene Aufgaben.

Der blinde FleckDas Risiko, das niemand einpreist

Nach zehn Jahren ist die Anleihe fällig und du musst neu anlegen — zu einem Zins, den heute niemand kennt.

„Ich sichere mir 3 % für zehn Jahre" stimmt. Aber was danach? Wer 2011 dachte, er habe sich ein auskömmliches Zinsniveau gesichert, stand 2021 vor Bundesanleihen mit negativer Rendite. Dieses Wiederanlagerisiko taucht in keinem Renditevergleich auf, weil es erst am Ende der Laufzeit sichtbar wird.

Ein Aktienportfolio hat dieses Problem nicht, weil es kein Enddatum hat. Es muss nicht alle zehn Jahre neu entschieden werden. Das ist kein Argument gegen Anleihen — aber es ist ein Argument dagegen, einen zehnjährigen Zins mit einer dreißigjährigen Anlagestrategie zu verwechseln.

Dazu kommt: Wer vor Fälligkeit verkaufen muss, hat auch bei Bundesanleihen ein Kursrisiko. 2022 verloren langlaufende Bundesanleihen zweistellig an Wert, weil die Zinsen stiegen. Wie das funktioniert, steht in Anleihen verstehen: Kurs, Kupon, Rendite, Duration.

Das UrteilWas das praktisch bedeutet

Die Frage ist nicht „Zinsen oder Aktien", sondern welcher Teil deines Geldes welchen Auftrag hat — und wie lange er dafür Zeit bekommt.

Aus den Rechnungen oben lassen sich vier Aussagen ableiten, die belastbar sind:

Was sich sagen lässt:
  • Bei einem sicheren Zins um 3 % ist Aktienrisiko über zehn Jahre und länger historisch klar bezahlt worden — in 93 % der Zeiträume lieferte der Weltaktienmarkt mehr, ab fünfzehn Jahren in allen.
  • Ab etwa 6 bis 8 % sicherem Zins wird die Frage ernst. Dort hätte die sichere Anlage in bis zu 45 % der Zwanzigjahreszeiträume gewonnen — bei null Schwankung. Solche Zinsniveaus sind selten, aber sie kommen vor.
  • Der Zeithorizont schlägt die Zinshöhe. Für Geld, das in drei Jahren gebraucht wird, ist auch ein niedriger sicherer Zins die richtige Wahl. Für Geld mit zwanzig Jahren Zeit war die Anleihe historisch fast immer die teurere.
  • Der laufende Ertrag spricht heute für die Anleihe. Rund 3 % zugesagter Zins stehen gut 1 % Dividende im Weltindex gegenüber. Wer Aktien wegen der Ausschüttung kauft, kauft derzeit das Falsche — die Mehrrendite steckt vollständig im Kurs.
  • Nominal und real sind zwei verschiedene Antworten. Ein sicherer Zins unterhalb der Inflationsrate ist nach Steuern ein garantierter Kaufkraftverlust — nur eben ein leiser.

Was daraus nicht folgt: dass man alles in das eine oder andere legen sollte. Der sinnvolle Umgang mit dieser Rechnung ist nicht die Entscheidung zwischen zwei Lagern, sondern die Zuordnung: Welcher Euro hat welchen Auftrag und welche Frist? Genau darum geht es in Wie viel Stabilität dein Depot wirklich braucht und in Asset-Allokation.

Sichere Zinsen sind kein Gegenspieler von Aktien. Sie sind die Messlatte, an der Aktien sich rechtfertigen müssen — und je höher sie liegt, desto genauer sollte man hinsehen.

FAQHäufige Fragen

Ist eine Bundesanleihe wirklich risikofrei?

Praktisch ja, theoretisch nein. Die Bundesrepublik gilt als einer der bonitätsstärksten Schuldner überhaupt; die Marktprämie für eine Ausfallversicherung auf Deutschland bewegt sich im Bereich von Hundertstel-Prozentpunkten. Für Rechnungen wie die hier gezeigten ist die Bundesanleihen-Rendite deshalb ein brauchbarer Nullpunkt. Ein Ausfallrisiko von exakt null gibt es bei keinem Schuldner.

Gilt das auch für Unternehmensanleihen mit höherem Zins?

Nein, dort vergleichst du nicht mehr sicher gegen unsicher. Der Aufschlag gegenüber der Bundesanleihe ist genau der Preis für ein zusätzliches Ausfallrisiko — auch bei sehr großen, sehr solventen Unternehmen. Eine Unternehmensanleihe mit deutlichem Renditeaufschlag ist kein risikofreier Zins mit Bonus, sondern eine andere Risikoklasse. Sie gehört in den Vergleich, aber nicht in die Spalte „sicher".

Warum rechnet ihr mit dem MSCI World und nicht mit dem DAX?

Weil ein einzelner Länderindex die Frage nicht sauber beantwortet. Der MSCI World bildet die Aktienmärkte der Industrieländer ab und ist damit der näherliegende Maßstab für „den Aktienmarkt". Für den DAX gibt es verlässliche Performance-Daten zudem erst ab 1988, was die Zahl auswertbarer Zeiträume deutlich verkleinert.

Werden Dividenden und Kursgewinne nicht genauso besteuert wie Zinsen?

Doch — mit demselben Satz von 26,375 %, und alle drei teilen sich denselben Sparer-Pauschbetrag. Einen pauschalen Steuervorteil „der Aktie" gibt es nicht, und auf eine Dividende aus einer Einzelaktie zahlst du exakt so viel wie auf einen Kupon. Zwei Unterschiede bleiben trotzdem: Der Zins wird jedes Jahr besteuert, ein Kursgewinn erst beim Verkauf — dieser Stundungseffekt macht bei 7 % über zwanzig Jahre rund 14 % Endvermögen aus. Und bei Anteilen an Aktienfonds bleiben zusätzlich 30 % der Erträge steuerfrei, was es bei Direktaktien nicht gibt.

Ab welchem Vermögen spielt die Steuer überhaupt eine Rolle?

Bei 3 % Ertrag deckt der Sparer-Pauschbetrag rund 33.000 € Anlagevermögen ab, bei Zusammenveranlagung etwa 67.000 €. Darunter fällt auf beiden Seiten keine Abgeltungsteuer an, und die Entscheidung zwischen Zins und Aktie ist eine reine Rendite- und Risikofrage. Erst oberhalb dieser Schwelle wirken Stundung und Teilfreistellung.

Sind die Zahlen nominal oder real?

Die Fenster-Tabelle ist nominal gerechnet — auf beiden Seiten. Da Zins und Aktienrendite derselben Inflation gegenüberstehen, bleibt der Vergleich gültig. Sobald du aber wissen willst, was am Ende an Kaufkraft übrig bleibt, brauchst du die Realrechnung; die steht im Abschnitt zur Inflation.

Was ist mit Dividenden?

Die sind bereits enthalten. Die verwendeten MSCI-World-Renditen sind Gesamtrenditen, also Kursentwicklung einschließlich wiederangelegter Ausschüttungen. Der häufige Vergleich „Dividendenrendite gegen Anleihezins" hinkt ohnehin: Er stellt einen Teilertrag einem Gesamtertrag gegenüber. Richtig verglichen wird Total Return gegen Total Return.

Heißt das, ich sollte bei hohen Zinsen aus Aktien aussteigen?

Das folgt daraus nicht. Die Tabelle beschreibt, wie häufig ein sicherer Zins historisch gewonnen hätte — sie sagt nichts über den richtigen Zeitpunkt. Wer bei hohen Zinsen umschichtet, trifft eine Markt-Timing-Entscheidung, und die hat ihre eigene, schlechte Erfolgsbilanz. Die brauchbare Konsequenz ist nicht der Ausstieg, sondern die Zuordnung nach Fristigkeit.

Wie oft war der Aktienmarkt über zehn Jahre im Minus?

In 2 von 41 rollierenden Zehnjahreszeiträumen seit 1975 — das schlechteste begann 1999 und endete bei −0,4 % pro Jahr. Über fünfzehn und zwanzig Jahre gab es in diesem Zeitraum keinen einzigen Verlustzeitraum; das schlechteste Zwanzigjahresfenster lieferte noch 4,6 % pro Jahr. Das ist keine Garantie für die Zukunft, aber es ist die belastbarste Grundlage, die wir haben.

Ändert sich die Antwort in einer GmbH oder Holding?

Ja, deutlich. Zinserträge werden im Betriebsvermögen voll besteuert, während Kursgewinne aus Direktaktien über § 8b KStG zu rund 95 % steuerfrei bleiben. Die Schwelle, ab der sich Aktienrisiko lohnt, liegt dort also niedriger als im Privatvermögen. Für Fondsanteile gilt das allerdings nicht in gleicher Weise — der Unterschied zwischen Direktaktie und ETF ist in der Gesellschaft erheblich.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Alle Auswertungen beruhen auf den Kalenderjahresrenditen des MSCI World von 1975 bis 2024 (Gesamtrendite, in Euro-Betrachtung vereinfacht, ohne Kosten und ohne Währungssicherung). Historische Renditen sind keine Prognose künftiger Ergebnisse. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von rund 3 % bezieht sich auf den Stand August 2026 und ändert sich börsentäglich. Steuerliche Angaben nach dem Rechtsstand 2026 (Abgeltungsteuer 25 % zuzüglich Solidaritätszuschlag, Teilfreistellung 30 % für Aktienfonds im Privatvermögen nach § 20 Abs. 1 InvStG); Die Rechenbeispiele unterstellen, dass der Sparer-Pauschbetrag bereits ausgeschöpft ist; wo er noch greift, fällt auf beiden Seiten keine Steuer an. Kirchensteuer ist nicht berücksichtigt, die individuelle Steuerlast kann abweichen. Modellrechnungen ersetzen keine individuelle Beratung.

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