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Anleihen im Portfolio: wie viel Stabilität dein Depot wirklich braucht

60/40 galt jahrzehntelang als Standardantwort. 2022 hat gezeigt, wo ihre Grenze liegt – und warum das trotzdem kein Grund ist, Anleihen abzuschreiben.

Die Frage ist selten „Anleihen ja oder nein“, sondern „wofür“. Wer den Anleihenanteil als Renditebringer versteht, wird enttäuscht. Wer ihn als Handlungsfähigkeit versteht, trifft bessere Entscheidungen – gerade dann, wenn es unangenehm wird.

Wozu überhaupt Anleihen, wenn Aktien mehr bringen?

Weil die Rendite eines Depots wenig nützt, wenn du im falschen Moment verkaufen musst. Anleihen kaufen dir die Freiheit, einen Crash auszusitzen.

Über lange Zeiträume schlagen Aktien Anleihen deutlich. Das ist unstrittig, und wer wirklich dreißig Jahre nicht an sein Geld muss, braucht rechnerisch wenig Stabilität. Nur trifft dieser Idealfall auf die wenigsten zu. Es kommt eine Steuernachzahlung, eine Investition ins Unternehmen, ein Jobwechsel, eine Scheidung – und plötzlich braucht es Liquidität, ausgerechnet in einer Phase, in der das Depot dreißig Prozent im Minus steht.

Genau dafür ist der stabile Anteil da. Er senkt die erwartete Rendite, das ist der Preis. Dafür senkt er die Wahrscheinlichkeit, dass du gezwungen bist, Aktien zum schlechtesten denkbaren Zeitpunkt zu verkaufen. Diese Absicherung taucht in keiner Renditestatistik auf, entscheidet aber häufig über das tatsächliche Ergebnis.

Der Anleihenanteil verdient kein Geld. Er verhindert, dass du welches verlierst, weil du handeln musst.

Was hinter 60/40 steckt – und was 2022 damit gemacht hat

60 Prozent Aktien, 40 Prozent Anleihen: Die Idee war, dass Anleihen steigen, wenn Aktien fallen. 2022 fielen beide gleichzeitig – zum ersten Mal seit Jahrzehnten deutlich.

Die Logik dahinter ist einfach: In einer Rezession flüchten Anleger in sichere Staatsanleihen, deren Kurse steigen, während Aktien leiden. Über viele Jahrzehnte hat das funktioniert und dem Mischdepot einen ruhigeren Verlauf verschafft als einem reinen Aktienportfolio.

Warum 2022 anders war

Der Auslöser war diesmal nicht eine Rezession, sondern Inflation. Die Notenbanken hoben die Zinsen kräftig an – und steigende Zinsen drücken Anleihekurse per Konstruktion.

Die Folge

Aktien fielen, weil höhere Zinsen künftige Gewinne weniger wert machen. Anleihen fielen, weil ihre Kurse sich an das neue Zinsniveau anpassen mussten. Beide Seiten des Depots verloren zur selben Zeit, und je länger die Duration, desto härter traf es den vermeintlich sicheren Teil.

Heißt das, 60/40 ist tot?

Nein, aber die Annahme „Anleihen federn immer ab“ ist widerlegt. Sie federn Rezessionen ab, nicht Zinsschocks. Wer den Unterschied kennt, wählt Duration und Anteil bewusster.

Nach dem Zinsanstieg ist die Ausgangslage im Übrigen besser als davor: Anleihen werfen wieder laufenden Ertrag ab. In der Nullzinsphase war ihr Renditebeitrag praktisch null bei vollem Kursrisiko – heute wird das Halten wieder bezahlt.

Wie viel Anleihen sind sinnvoll?

Es gibt keine allgemeingültige Zahl. Die brauchbarere Frage lautet: Wie viel Geld musst du in den nächsten Jahren sicher entnehmen können?

Verbreitete Faustregeln wie „Anleihenanteil in Prozent gleich Lebensalter“ klingen praktisch, ignorieren aber alles, worauf es ankommt: ob du ein Unternehmen hast, wie sicher dein Einkommen ist, ob Immobilien im Spiel sind, wie du dich im letzten Crash tatsächlich verhalten hast. Ein 35-jähriger Unternehmer mit schwankendem Einkommen kann mehr Stabilität brauchen als ein 60-jähriger Beamter mit sicherer Pension.

Sinnvollere Fragen als eine Faustformel:
  • Entnahmebedarf – welche Beträge brauchst du in den nächsten drei bis fünf Jahren verlässlich?
  • Einkommenssicherheit – wie stabil ist die Quelle, aus der du nachlegst?
  • Andere Puffer – Tagesgeld, Kreditlinie, Verkaufserlöse aus dem Unternehmen zählen mit
  • Eigenes Verhalten – hast du im letzten Crash gehalten oder verkauft? Das ist die ehrlichste Kennzahl

Aus diesen Antworten ergibt sich ein Betrag, kein Prozentsatz. Erst danach lohnt es sich, ihn in eine Quote zu übersetzen. Der Umweg klingt umständlich, führt aber zu einer Allokation, die man auch dann durchhält, wenn es ungemütlich wird – und das ist der einzige Maßstab, der zählt.

Anleihen, Tagesgeld oder Festgeld?

Für kurzfristige Puffer ist Tagesgeld meist die bessere Wahl. Anleihen lohnen sich, wenn du dir ein Zinsniveau über Jahre sichern willst.

Der stabile Teil eines Depots muss nicht aus Anleihen bestehen. Tagesgeld hat kein Kursrisiko, ist täglich verfügbar und in Deutschland bis 100.000 Euro je Bank und Kunde über die gesetzliche Einlagensicherung geschützt. Für die Reserve, an die man jederzeit kommen muss, ist das schwer zu schlagen.

Anleihen haben einen anderen Vorteil: Sie sichern ein Zinsniveau für eine feste Laufzeit. Beim Tagesgeld kann die Bank den Zins jederzeit senken – wer 2021 auf Tagesgeld saß, hat das erlebt. Wer dagegen eine fünfjährige Anleihe kauft, kennt seinen Ertrag für fünf Jahre, sofern er bis zur Fälligkeit hält.

Bei größeren Beträgen kommt die Streuung dazu: Wer sechsstellig parken muss, stößt bei der Einlagensicherung an Grenzen und müsste auf mehrere Banken verteilen. Staatsanleihen sind an dieser Stelle die schlichtere Lösung.

Tagesgeld ist Liquidität. Anleihen sind Planbarkeit. Beides ist Stabilität – aber nicht dasselbe.

Rebalancing: wo der Anleihenanteil seine Arbeit tatsächlich leistet

Beim Wiederherstellen der Zielgewichtung. Fallen Aktien stark, schichtest du aus dem stabilen Teil um – und kaufst dadurch antizyklisch nach.

Das ist der Mechanismus, der aus dem Anleihenanteil mehr macht als geparktes Geld. Wenn Aktien um vierzig Prozent fallen, verschiebt sich die Gewichtung deutlich. Stellst du die Zielquote wieder her, kaufst du Aktien zu niedrigen Kursen – finanziert aus dem Teil, der weniger gelitten hat. Du tust also genau das, was emotional am schwersten fällt, und dein eigenes Regelwerk nimmt dir die Entscheidung ab.

Damit das funktioniert, braucht es zwei Dinge: eine vorher festgelegte Zielquote und eine Regel, wann du sie wiederherstellst – etwa jährlich oder bei einer Abweichung von mehr als fünf Prozentpunkten. Ohne Regel wird aus Rebalancing eine Bauchentscheidung im ungünstigsten Moment.

Mehr zur Wechselwirkung im Crash steht in Diversifikation versagt, wenn du sie brauchst. Die technische Mechanik von Kupon, Kurs und Duration erklärt Anleihen verstehen, die praktische Umsetzung Anleihen kaufen.

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Wie Aktien und Anleihen sich im Depot ergänzen.

FAQHäufige Fragen

Ist 60/40 heute noch sinnvoll?

Als Denkmodell ja, als Rezept nein. Die Aufteilung war nie ein Naturgesetz, sondern eine Vereinfachung. Sinnvoll bleibt der Grundgedanke, einen schwankungsarmen Teil zu halten, aus dem man leben oder nachkaufen kann. Die konkrete Quote sollte sich aus deinem Entnahmebedarf ergeben, nicht aus einer runden Zahl.

Warum haben Anleihen 2022 nicht abgefedert?

Weil der Auslöser Inflation war, nicht eine Rezession. Die Notenbanken erhöhten die Zinsen, und steigende Zinsen drücken Anleihekurse zwangsläufig. Anleihen federn Rezessionen ab, keine Zinsschocks – dieser Unterschied wurde vorher selten deutlich gemacht.

Sollte ich jetzt noch Anleihen kaufen?

Diese Frage lässt sich seriös nicht pauschal beantworten, weil sie eine Zinsprognose voraussetzt. Was sich sagen lässt: Nach dem Zinsanstieg gibt es wieder laufenden Ertrag, während in der Nullzinsphase praktisch nur Risiko ohne Gegenleistung übrig blieb. Die Ausgangslage ist damit besser als in den zehn Jahren davor.

Reicht nicht ein Tagesgeldkonto als Stabilitätsanteil?

Für viele Depots ja. Tagesgeld hat kein Kursrisiko und ist über die Einlagensicherung bis 100.000 Euro je Bank geschützt. Anleihen werden interessanter, wenn du größere Beträge streuen musst oder dir ein Zinsniveau über mehrere Jahre festschreiben willst.

Diese Seite dient der allgemeinen Information und ist keine Anlageberatung. Kapitalanlagen können an Wert verlieren; frühere Wertentwicklungen sind kein Indikator für künftige Ergebnisse. Genannte Quoten und Beispiele sind Orientierungswerte, keine Empfehlung für den Einzelfall. Angaben zur Einlagensicherung betreffen die gesetzliche Sicherung in Deutschland und können sich ändern. Für eine individuelle Einschätzung wende dich an qualifizierte Fachleute.

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