Stell dir vor, du kaufst dir ein selbstfahrendes Auto. Nicht, weil du Autos liebst, sondern weil du keine Lust mehr hast zu fahren: Der Autopilot kennt die Route, hält sich an die Regeln und fährt statistisch besser als du. Genau dafür hast du bezahlt. Dann sitzt du das erste Mal im Auto, und nach zehn Minuten greifst du schon ins Lenkrad, weil dir der Abstand zum Vordermann zu groß ist. An der Auffahrt korrigierst du, weil er dir zu zögerlich beschleunigt. Beim Überholen ziehst du selbst rüber. Nach einer Stunde fährst du wieder komplett selbst, mit einem sehr teuren Beifahrer, den du für seine Zurückhaltung bezahlst.
Genau das passiert in Millionen Depots. Der Anleger kauft einen Welt-ETF mit der Begründung, dass aktives Eingreifen nichts bringt, und fängt anschließend an, aktiv einzugreifen. Europa hoch, Schwellenländer auf 30 Prozent, Small Caps dazu, Equal Weight beimischen, den KI-ETF nicht verpassen. Am Ende steht ein aktiv konstruiertes Portfolio aus passiven Bausteinen. Wir zeigen dir in diesem Artikel, was dir diese ganzen Eingriffe, das ständige Darübernachdenken und der Optimierungswahn tatsächlich gebracht haben — nämlich genau das, wofür du Fondsmanager kritisierst: Du schlägst den Index nicht.
Wie groß die Aufregung dabei oft im Verhältnis zur Wirkung ist, zeigte im Sommer 2026 der Börsengang von SpaceX. Das Netz war voll von Diskussionen darüber, dass Indexanleger in das Unternehmen „zwangsinvestiert“ würden, weil die Indexanbieter ihre Aufnahmeregeln eigens gelockert hatten, obwohl anfangs nur rund fünf Prozent der Aktien überhaupt frei handelbar waren. Dabei bewegt jede Kursbewegung von zehn Prozent bei SpaceX ein Welt-ETF-Depot von 10.000 Euro um knapp einen Euro. Das ist nicht einmal eine Kugel Eis.
Der AusgangspunktWarum kaufen so viele überhaupt einen ETF?
Viele Anleger entscheiden sich für ETFs, weil die große Mehrheit aktiv gemanagter Fonds ihren Index über lange Zeiträume nicht schlägt und ihre höheren Kosten deshalb nicht rechtfertigt. Statt einen Manager dafür zu bezahlen, den Markt zu schlagen, kauft man den Markt direkt und akzeptiert dessen Rendite, weil die Belege zeigen, dass man ihn langfristig ohnehin nicht schlägt.
Das ist eine starke, gut belegte These, und sie hat eine unbequeme Konsequenz, die gern überlesen wird: Wenn hochbezahlte Profis mit Bloomberg-Terminal, Analystenteam und Unternehmensbesuchen den Index nicht dauerhaft schlagen, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht besonders groß, dass es jemand am Küchentisch mit vier ETFs und einem Finanzblog schafft.
Der Kauf eines Welt-ETFs ist deshalb nicht nur eine Produktentscheidung, sondern ein Eingeständnis: Ich weiß nicht, welche Unternehmen, Branchen oder Regionen in zwanzig Jahren vorn liegen, und ich glaube nicht, dass ich es besser weiß als der Markt. Wer das unterschreibt, hat eine vollkommen kohärente Strategie, bis er anfängt, sie zu optimieren oder zu reparieren.
Der WiderspruchWann hört ein ETF-Depot auf, passiv zu sein?
Ein ETF-Depot hört auf, passiv zu sein, sobald du anfängst, es aktiv zu steuern, also schon bei der ersten bewussten Abweichung von der Marktgewichtung, weil dir an ihr etwas nicht gefällt.
Der typische Verlauf geht so: Erst liest man, dass die USA im MSCI World rund siebzig Prozent ausmachen, was sich nach Klumpenrisiko anfühlt, also kommen Emerging Markets dazu. Dann fällt auf, dass Europa gemessen an der eigenen Vorstellung zu klein ist, also folgt ein Europa-ETF. Weil es unmöglich vernünftig sein kann, dass sieben Unternehmen ein Viertel des Index bestimmen, wird Equal Weight beigemischt. Und da künstliche Intelligenz nun mal die Zukunft ist, wandert noch ein Themen-ETF ins Depot.
Jede einzelne dieser Entscheidungen lässt sich begründen, und keine davon muss falsch sein. Es sind nur eben Entscheidungen, und zwar genau jene, für die man Fondsmanager kritisiert, weil sie den versprochenen Nutzen nicht bringen. Der Stockpicker sagt: „Nvidia ist mir zu teuer, ich nehme lieber SAP dazu.“ Der ETF-Anleger sagt: „Die USA sind mir überrepräsentiert, ich mische lieber Europa bei.“ Die Logik ist dieselbe, nur auf unterschiedlichen Ebenen: Beide halten die Gewichtung des Marktes für verbesserungswürdig, und beide müssen sich daran messen lassen, ob die Verbesserung eingetreten ist. Der Unterschied besteht nur darin, dass der Fondsmanager an seiner Benchmark gemessen wird, also an dem Index, den er schlagen soll, und möglicherweise seinen Job riskiert, wenn er dauerhaft deutlich darunter liegt, während das private Depot immer weiter repariert, aber nie wirklich gemessen wird.
Der PraxistestWas bringt es, Emerging Markets beizumischen?
Wer seit Ende 2009 monatlich 200 Euro in den reinen Weltindex spart, hat heute 133.835 Euro, wer davon 60 Euro in Schwellenländer umgeleitet hat, steht bei 119.791 Euro. Beide haben ohne Pause insgesamt 40.000 Euro eingezahlt, nur hat der mit der Beimischung am Ende 14.044 Euro weniger.
Rechnen wir es so, wie tatsächlich investiert wird. Nicht mit einer Einmalanlage, die kaum jemand hat, sondern mit einem Sparplan und ohne jährliches Rebalancing, weil das bei jedem Teilverkauf Abgeltungsteuer auslöst und deshalb in der Praxis kaum jemand macht. Zwei Sparpläne also, einmal 200 Euro in den Weltindex, einmal 140 Euro dorthin und 60 Euro in Schwellenländer, laufen gelassen seit Dezember 2009:
Die goldene Linie löst sich ab etwa 2013 nach unten ab und kommt nie wieder heran. In Renditepunkten sind das 12,03 statt 13,17 Prozent pro Jahr, was nach wenig klingt, über knapp siebzehn Jahre aber gut vierzehntausend Euro ausmacht. Und weil hier keine Steuer auf Rebalancing-Verkäufe abgezogen ist, wäre die Lücke in der Praxis eher größer als kleiner.
Nebenbei passiert noch etwas, das kaum jemand auf dem Schirm hat: Die Emerging-Markets-Quote sinkt von selbst. Weil die Sparrate starr bei 70 zu 30 bleibt und kaum jemand Anteile verkauft, um nachzujustieren, schon allein wegen der Steuer auf die Gewinne, rutschen die schwächeren Schwellenländer im Depot heute auf 21,8 statt der eingestellten 30 Prozent. Wer nicht rebalanciert, und das sind fast alle, hat am Ende gar nicht mehr die Aufteilung, für die er sich damals entschieden hat.
Und in anderen Jahrzehnten?
Ein einzelner Zeitraum ist nie ein Beweis, also derselbe Sparplan über jeweils zehn Jahre, gestaffelt über die gesamte verfügbare Historie:
| 10 Jahre ab | World | mit EM | Differenz |
|---|---|---|---|
| Dez. 1988 | 51.455 | 43.886 | −7.569 |
| Dez. 1993 | 27.877 | 27.451 | −426 |
| Dez. 1998 | 17.713 | 20.461 | +2.748 |
| Dez. 2003 | 35.657 | 35.000 | −657 |
| Dez. 2008 | 40.453 | 37.612 | −2.842 |
| Dez. 2013 | 42.293 | 38.326 | −3.967 |
| Aug. 2016 | 49.511 | 47.304 | −2.207 |
Alle Werte in Euro. Sparplan 200 €/Monat über je zehn Jahre, ohne Rebalancing. Eigene Berechnung auf offiziellen MSCI-Monatsständen (Gross Total Return, Dividenden wieder angelegt), umgerechnet in Euro mit den EZB-Referenzkursen zum Monatsende, vor 1999 mit dem D-Mark-Kurs der Bundesbank.
Ein Treffer in sieben Jahrzehnten, und der stammt aus dem Fenster, das 1998 startete, also mitten im Rohstoff- und China-Boom der Nullerjahre. Rechnet man nicht nur diese sieben, sondern alle 345 möglichen Zehnjahres-Sparpläne, lag die Beimischung in 113 Fällen vorn und in 232 hinten. Das sind 33 zu 67 Prozent, mit einem Median von minus 2.621 Euro.
Zwei von drei Jahrzehnten kostet dich die beliebteste Depot-Optimierung Deutschlands also Geld, nicht dramatisch viel, aber verlässlich und mit erheblich mehr Aufwand als der Weg, bei dem man nichts tut. Es ist damit einmal mehr der Beleg, dass du den Markt durch Optimieren nicht schlägst.
Lohnt sich die Emerging-Markets-Beimischung bei einer Einmalanlage?
Bei einer Einmalanlage hat sich die Beimischung gelohnt, wenn das Geld sehr früh angelegt wurde und liegen blieb, denn zehntausend Euro, im Dezember 1987 investiert und nie wieder angefasst, wären im reinen Weltindex auf 307.445 Euro gewachsen, mit dreißig Prozent Schwellenländern dagegen auf 367.735 Euro. Das ist ein Plus von rund 60.000 Euro für die Beimischung, und wer behauptet, Emerging Markets hätten „noch nie etwas gebracht“, liegt damit schlicht falsch:
Und wenn du 2010 oder 2020 eingestiegen wärst?
Dann läge die Beimischung heute hinten, bei einem Einstieg Anfang 2010 um 13.082 Euro und bei einem Einstieg Anfang 2020 um 1.580 Euro. Damit niemand den Startpunkt so wählt, dass das gewünschte Ergebnis herauskommt, zeigt die Tabelle keine ausgesuchten Jahre, sondern ein festes Raster, das jeweils zum Jahresanfang im Abstand von fünf Jahren beginnt und immer mit 10.000 Euro ohne Rebalancing bis August 2026 läuft:
| Einstieg | World | 70/30 | Differenz |
|---|---|---|---|
| Dez. 1987 | 307.445 | 367.735 | +60.290 |
| Anf. 1990 | 197.150 | 199.337 | +2.187 |
| Anf. 1995 | 175.566 | 148.933 | −26.633 |
| Anf. 2000 | 55.551 | 57.647 | +2.096 |
| Anf. 2005 | 83.536 | 78.769 | −4.767 |
| Anf. 2010 | 77.840 | 64.758 | −13.082 |
| Anf. 2015 | 39.260 | 35.278 | −3.982 |
| Anf. 2020 | 23.229 | 21.649 | −1.580 |
Alle Werte in Euro. Einmalanlage 10.000 € je Einstieg, ohne Rebalancing, Wert Ende August 2026. MSCI Gross Total Return in Euro.
Vorn liegt die Beimischung nur bei Einstiegen bis zum Jahr 2000, und zweimal davon nur knapp, während jeder spätere Einstieg hinten liegt. Rechnet man alle 345 möglichen Zehnjahres-Einmalanlagen durch, war 70/30 in einem Drittel der Fälle vorn, und von den 104 Zehnjahresfenstern, die seit 2008 begonnen haben, in keinem einzigen.
Warum Sparplan und Einmalanlage auseinandergehen
Der Grund ist banal und trotzdem entscheidend: Es geht darum, wann dein Geld im Depot lag. Bei der Einmalanlage steckte 1988 das volle Kapital drin und hat die goldenen Schwellenländer-Jahre bis 2010 vollständig mitgenommen. Beim Sparplan lagen in dieser Zeit erst ein paar tausend Euro im Depot, der Großteil des Geldes kam in den letzten anderthalb Jahrzehnten dazu, also genau dann, als Emerging Markets nicht mehr lieferten.
Deshalb dreht sich das Vorzeichen: Als Sparplan seit Dezember 1987 hätte die Beimischung 43.812 Euro gekostet (762.009 statt 805.821 Euro bei 92.800 Euro Einzahlung), als Einmalanlage im selben Zeitraum 60.290 Euro gebracht. Dieselben Indizes, dieselbe Aufteilung, dieselbe Datenreihe und trotzdem ein entgegengesetztes Ergebnis. Wer also fragt, ob 70/30 sich gelohnt hat, muss zuerst beantworten, ob er geerbt oder gespart hat.
Und selbst bei der Einmalanlage stammt der gesamte Vorsprung aus der Zeit vor 2011: Im Herbst 2010 war das 70/30-Depot fast doppelt so viel wert wie der reine Weltindex, heute sind es nur noch knapp zwanzig Prozent mehr, weil der alte Sieg seitdem Jahr für Jahr abschmilzt. Startet man die Einmalanlage Ende 2009, liegt auch sie im Minus, mit 64.758 statt 77.840 Euro.
Wo liegt denn nun das „richtige“ Gewicht?
Diese Frage ist die eigentliche Falle, denn sie hat eine Antwort für jeden Geschmack. Rechnet man alle 101 Mischungen von 0 bis 100 Prozent auf den vollen Zeitraum, liegt das beste Rendite-Risiko-Verhältnis bei 34 Prozent Schwellenländern:
Nur wandert dieses Optimum mit dem Stichtag, und zwar heftig. Hätte man dieselbe Rechnung früher aufgestellt, wäre herausgekommen: Ende 1999 die Mischung 68/32, Ende 2007 und Ende 2010 sogar 0/100, also ausschließlich Schwellenländer, Ende 2015 dann 39/61, Ende 2020 48/52 und heute 66/34. Rechnet man den Zeitraum ab 1994 oder ab 2008, liegt die optimale Quote bei exakt null Prozent, ab 2004 bei sieben Prozent.
Die Antwort auf „Wie viel Emerging Markets ist richtig?“ lautet also, je nachdem wann du fragst: null, sieben, 32, 34, 52, 61 oder 100 Prozent. Das ist keine Optimierung mehr, das ist ein Zufallsgenerator mit Nachkommastellen. Und das gefeierte Optimum von 2010 hätte seine Mehrrendite mit 25,4 statt 16,3 Prozent Schwankung erkauft, also mit gut der Hälfte mehr Risiko, kurz bevor ein Jahrzehnt begann, in dem Schwellenländer dem Weltindex um sechseinhalb Prozentpunkte pro Jahr hinterherliefen.
Der BumerangMacht die Beimischung mein Depot wirklich breiter?
Wer Schwellenländer beimischt, um das Klumpenrisiko abzubauen oder breiter zu streuen, erhöht in Wahrheit sein Technologierisiko, weil der MSCI Emerging Markets zu 41,5 Prozent in Technologie steckt, während der MSCI World dort bereits rund 30 Prozent hält. Du tust damit das Gegenteil dessen, was du erreichen willst, weil der Index, mit dem du streuen möchtest, im Kern dasselbe Risiko trägt.
Das ist die Pointe, an der die meisten Reparatur-Depots scheitern, und sie hat nichts mit Ländern zu tun, sondern mit dem, was tatsächlich drin ist. Schau dir an, was du kaufst: Im MSCI Emerging Markets wiegt TSMC allein 15,14 Prozent, dazu kommen Samsung Electronics mit 7,20 und SK Hynix mit 5,48 Prozent. Die drei größten Positionen sind also fast 28 Prozent des Index, und alle drei stellen Halbleiter her.
Und was hältst du in deinem MSCI World bereits? Nvidia, Broadcom, Micron, AMD, dazu die Kundschaft dieser Firmen: Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon und Meta, also ein Index, der deutlich konzentrierter ist, als seine Titelzahl vermuten lässt. Die Frage ist also nicht, ob Taiwan auf einer anderen Landkarte liegt als Kalifornien, sondern ob TSMC und Nvidia unterschiedlichen wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt sind. Sie sind es nicht: Bricht die Nachfrage nach KI-Rechenleistung ein, trifft es den Chipdesigner in Santa Clara und seinen Auftragsfertiger in Hsinchu am selben Tag, nur den Fertiger meistens härter.
Wer 30 Prozent Emerging Markets beimischt, hat sein Portfolio damit nicht diversifiziert, sondern dieselbe Wette verstärkt: Zu Nvidia, Micron und AMD kommen SK Hynix, Samsung und TSMC. In einem Depot von 10.000 Euro stecken allein in TSMC dann rund 454 Euro, mehr, als die meisten je bewusst in eine Einzelaktie stecken würden. Das mag sich gut anfühlen, solange die Rally läuft. Nur solltest du dir dann ehrlich beantworten, was du mit der Beimischung eigentlich verfolgst: Wolltest du dein Risiko streuen, hast du es gerade gebündelt.
Diversifikation, der Free Lunch an der Börse
Diversifikation ist der einzige Effekt an den Märkten, den Harry Markowitz sinngemäß als „free lunch“ bezeichnet hat: Du bekommst weniger Risiko, ohne dafür Rendite zu bezahlen. Das funktioniert allerdings nur unter einer Bedingung, die in der ETF-Diskussion praktisch nie genannt wird, und deshalb fängt dieses Kapitel bei ihr an.
Warum „mehr Aktien“ nicht die Antwort ist
Die verbreitete Vorstellung lautet: 1.300 Aktien sind besser gestreut als 100, und 4.000 sind besser als 1.300. Das ist ungefähr so richtig wie die Annahme, ein Orchester klinge besser, wenn man mehr Geigen hineinstellt. Es kommt darauf an, ob die zusätzlichen Instrumente etwas anderes spielen.
Wer ehrlich ist, merkt schnell, dass hinter dem Wunsch nach 4.000 statt 1.300 Titeln selten eine Risikorechnung steckt, sondern die Sorge, irgendwo irgendetwas zu verpassen: den nächsten Gewinner, das nächste Land, die nächste Branche. Mit Diversifikation hat das wenig zu tun, denn mehr Namen bedeuten weder automatisch mehr Sicherheit noch eine bessere Rendite, sondern zunächst nur eine längere Liste.
Diversifikation bedeutet nämlich nicht, möglichst viele Namen zu besitzen, sondern Anlagen so zu kombinieren, dass sich das Verhältnis von Rendite und Risiko im Gesamtportfolio verbessert. Entscheidend ist nicht, wie viele Positionen du hältst, sondern wie stark sie sich gemeinsam bewegen. Diese Kennzahl heißt Korrelation, sie reicht von plus eins bis minus eins, und sie entscheidet darüber, ob deine zweite Aktie ein zweites Risiko ist oder nur dasselbe Risiko in einem anderen Namen.
Zwei Aktien sind nicht automatisch zwei Risiken
Nimm BMW und Mercedes. Zwei Konzerne, zwei Vorstände, zwei Aktien im Depot, und doch hängen beide an denselben Dingen: an der chinesischen Nachfrage, am Wechselkurs, an Energiepreisen, an Zulieferketten, an der Regulierung des Verbrennungsmotors und daran, ob sich Menschen in einer Rezession ein neues Auto kaufen. Wenn die Autokonjunktur kippt, bleibt selten einer von beiden unbeeindruckt.
Was das rechnerisch bedeutet, zeigt dieses Bild. Zwei Aktien mit jeweils 30 Prozent Schwankung, hälftig gemischt, und daneben der Blick darauf, was die Korrelation daraus macht:
Zwei Autobauer bringen dich von 30 auf 28,9 Prozent Schwankung. Das ist keine Streuung, das ist Dekoration. Zwei Unternehmen aus verschiedenen Welten, ein Softwarehaus und ein Goldproduzent, bringen dich auf 23,2 Prozent. Dieselbe Anzahl Aktien, völlig unterschiedliche Wirkung. Genau das meint der Satz, dass es auf die Kombination ankommt und nicht auf die Anzahl.
Und die vierte Zeile im Bild, die echten Gegenläufer? Die sind das Problem: Es gibt sie kaum. Gold gilt als Klassiker, war aber 2013 und 2015 gleichzeitig mit Aktien schwach; Staatsanleihen galten jahrzehntelang als Gegengewicht, bis sie 2022 gemeinsam mit Aktien einbrachen. Verlässlich gegenläufig sind eigentlich nur konstruierte Positionen wie ein Short, eine Put-Option, eine Absicherung. Und die kosten Geld, jedes Jahr.
Gleiches Risiko, mehr Rendite: Wo der Gratis-Effekt herkommt
Dreh die Rechnung um, und der „free lunch“ wird sichtbar. Zwei Aktien mit je acht Prozent erwarteter Rendite und je 30 Prozent Schwankung: Laufen sie im Gleichschritt, bleibt dein Portfolio bei acht Prozent Rendite und 30 Prozent Schwankung, die Sharpe Ratio liegt bei 0,20. Sind sie nur schwach korreliert, bleibt die Rendite unverändert bei acht Prozent, die Schwankung fällt aber auf 23,2 Prozent, und die Sharpe Ratio steigt auf 0,26. Du hast nichts an Ertrag aufgegeben und trotzdem ein Viertel des Risikos verloren. Dieses Geschenk gibt es nur einmal, und es kommt ausschließlich aus der Unkorreliertheit.
Unkorreliert ist nicht dasselbe wie abgesichert
Hier wird es häufig verwechselt. Unkorreliert (Korrelation um null) heißt: Die Bewegung der einen Anlage sagt wenig über die andere aus, beide gehen ihre eigenen Wege. Negativ korreliert heißt: Sie gehen systematisch entgegengesetzte Wege, und genau das ist Hedging. Ein perfekter Hedge mit minus eins löscht die Schwankung vollständig aus und mit ihr die Rendite, weshalb ein durchgehend perfekt abgesichertes Depot kein cleveres Depot ist, sondern ein Tagesgeldkonto mit Extraschritten.
Deshalb ist das Ziel nicht negative Korrelation, sondern möglichst wenig unnötiger Gleichlauf. Und ein Warnhinweis gehört dazu: Korrelationen sind keine Naturkonstanten. Sie steigen ausgerechnet dann, wenn du sie am dringendsten niedrig bräuchtest. Im März 2020 fiel praktisch alles gleichzeitig, und 2022 verloren Aktien und Staatsanleihen gemeinsam, also genau jene Kombination, die jahrzehntelang als Musterbeispiel für Gegenläufigkeit galt.
Was sich wegstreuen lässt und was nicht
Dahinter stehen zwei grundsätzlich verschiedene Risiken. Das unternehmensspezifische Risiko trifft einen Einzelnen: Ein Medikament scheitert in der Studie, ein Patent läuft aus, eine Fabrik brennt ab, ein Vorstand fälscht die Bilanz. Wirecard war das Lehrbuchbeispiel. Gegen diese Sorte hilft Streuung hervorragend, denn fällt eine von dreißig vernünftig gewichteten Positionen komplett aus, kostet das Substanz, aber nicht das Depot.
Das Marktrisiko dagegen trifft alle gleichzeitig: Rezession, Zinsschock, Finanzkrise, Pandemie, eine allgemeine Neubewertung von Aktien. Dagegen hilft auch die 1.301. Aktie nicht. Und weil dieses Risiko bleibt, egal wie breit du streust, gibt es eine Untergrenze, unter die keine Diversifikation der Welt dich bringt.
Warum 70/30 keine mathematische Größe ist
Damit zurück zur beliebtesten Beimischung. Ob Emerging Markets dein Portfolio verbessern, entscheidet nicht die Landkarte, sondern dieselbe Mechanik wie oben: ihre Schwankung, ihre Rendite und vor allem ihre Korrelation zum Rest. Und die liegt in unserer langen Monatsbetrachtung, in Euro gerechnet, bei gut 0,7. Schwellenländer bringen also durchaus ein anderes Risiko ins Depot, aber kein unabhängiges, denn fällt der Weltmarkt, fallen sie meistens mit, nur heftiger.
Genau deshalb hängt die Effizienzrechnung am Stichtag: Über den vollen Zeitraum seit 1987 landet sie bei 34 Prozent, ab 1994 oder ab 2008 bei null, und zwischen 30 und 34 Prozent liegen fünf Zehntausendstel Sharpe Ratio. Die 70/30-Regel ist keine mathematische Größe. Sie ist eine gut klingende Zahl, die sich gemerkt hat, weil sie sich gut merken lässt.
Und sie kauft mehr, als die meisten denken: Ende August 2026 wogen im MSCI Emerging Markets allein TSMC 15,14 Prozent, Samsung Electronics 7,20 Prozent und SK Hynix 5,48 Prozent, die drei größten Positionen zusammen also fast 28 Prozent. Auf Länderebene machen Taiwan, China, Südkorea und Indien rund vier Fünftel des Index aus. In einem 10.000-Euro-Depot mit 70/30 stecken damit rund 454 Euro allein in TSMC, mehr als in den meisten Einzelaktien, die jemand bewusst kaufen würde. Wer sagt, er sei mit 30 Prozent EM „wirklich weltweit“ investiert, kauft in Wahrheit vor allem asiatische Halbleiter.
Der GrenznutzenWie viele Aktien braucht ein Depot, um gut diversifiziert zu sein?
Ein gut diversifiziertes Depot braucht rund 40 Aktien aus unterschiedlichen Branchen: Damit sind in der Modellrechnung bereits 96 Prozent des Risikos beseitigt, das sich überhaupt wegstreuen lässt. Jede weitere Aktie senkt die Schwankung nur noch minimal (sinkender Grenznutzen), und der Schritt von der 1.299. zur 1.300. Aktie bringt faktisch nichts mehr, nämlich 0,00002 Prozentpunkte.
Die spannende Erkenntnis ist dabei nicht eine magische Zahl, sondern die Form der Kurve. Sie fällt am Anfang brutal und wird dann fast flach, weshalb die Frage „1.300 oder 2.700 Aktien?“ ökonomisch ungefähr so bedeutsam ist wie die Frage, ob man einen Ozean mit zwei oder drei Eimern Wasser auffüllt:
Das ist eine Modellrechnung und kein Naturgesetz, und sie beweist nicht, dass genau 40 die magische Zahl wäre. Sie zeigt die Größenordnung, und die steht in bemerkenswertem Missverhältnis zu der Leidenschaft, mit der über die Titelzahl von Indizes gestritten wird.
Denn die Frage, die in dieser Debatte wirklich zählt, lautet nicht „1.300 oder 2.700 Titel?“, sondern: Was macht die 1.301. Aktie eigentlich in deinem Depot? Rechne es nach. Die kleinsten Mitglieder eines Weltindex sind Unternehmen mit ein bis drei Milliarden Dollar Streubesitz, das kleinste im MSCI World kommt laut Factsheet vom 31. August 2026 auf 2,4 Milliarden, und gemessen an einer Indexgröße von 91,7 Billionen Dollar entspricht das einem Gewicht von etwa 0,001 bis 0,003 Prozent. In einem Depot von 10.000 Euro sind das zehn bis dreißig Cent.
Verdreifacht sich dieses Unternehmen, hast du sechzig Cent gewonnen. Geht es pleite, hast du dreißig Cent verloren. Es senkt deine Schwankung nicht messbar, es erhöht deine Rendite nicht messbar, und es verändert dein Risiko nicht messbar. Es steht einfach da. Wer also über die Titelzahl seines ETFs diskutiert, diskutiert über Positionen im Wert einer Kugel Eis.
Die VerteilungDie Mehrheit aller Aktien schneidet schlechter ab als eine Staatsanleihe
Die Mehrheit aller Aktien hat über ihre gesamte Börsenzeit weniger verdient als kurzlaufende US-Staatsanleihen, und der gesamte Vermögenszuwachs der Aktienmärkte geht auf eine kleine Minderheit zurück: Von mehr als 64.000 untersuchten Unternehmen erklären 2,4 Prozent die komplette Netto-Vermögensschaffung von 75,7 Billionen Dollar.
Das ist das Ergebnis der größten Untersuchung, die es dazu gibt, und sie stammt von Hendrik Bessembinder und Kollegen, die Aktien weltweit von 1990 bis 2020 über ihre gesamte Lebensdauer verfolgt haben: Rund 55 Prozent der US-Aktien und 57 Prozent der Nicht-US-Aktien blieben hinter einmonatigen US-Staatsanleihen zurück. Rallys werden also nie vom breiten Markt getragen, sondern von einer Handvoll Titel, und in jeder Epoche sind es andere, die den Markt nach oben ziehen.
Genau daraus leitet sich das beliebteste Argument für den Weltindex ab: Wer alle kauft, verpasst die nächste Nvidia nicht. Nur ist eine Aktie, bevor sie zum Gewinner wird, meist noch klein und im Index so gering gewichtet, dass ihr Aufstieg dein Depot kaum berührt. Eine Position mit 0,02 Prozent Gewicht bringt dir in einem 10.000-Euro-Depot selbst bei plus 300 Prozent ganze sechs Euro.
Wenn eine Handvoll Aktien alles erklärt und niemand vorher weiß, welche, dann klingt „kauf einfach alle“ nach der einzig vernünftigen Antwort. Nur beantwortet Bessembinder eine andere Frage als deine: Er zeigt, wie wichtig die Gewinner für den Gesamtmarkt waren, nicht, wie viel sie dem einzelnen Indexanleger gebracht haben, solange sie noch winzig waren. Und genau da klafft die Lücke.
Rechne es an dir selbst durch. Eine Aktie mit 0,02 Prozent Indexgewicht ist in deinem 10.000-Euro-Depot mit zwei Euro vertreten. Verdreifacht sie sich, hast du sechs Euro gewonnen; verzehnfacht sie sich, sind es zwanzig. Du warst dabei, du hast es nur nicht gemerkt, und dein Vermögen auch nicht. Spürbar wird ein Gewinner erst, wenn er groß genug ist, um Gewicht zu haben. Aber genau dann wäre er auch in einem Depot mit den größten hundert Titeln gelandet, denn auf dem Weg vom Nobody zum Schwergewicht wandert jedes dieser Unternehmen zwangsläufig durch die Top 100 hindurch. Der Index kauft ihn nicht früher als du, er hält ihn nur schon vorher in einer Dosis, die wirkungslos ist.
Das ist der Kern des Missverständnisses. „Ich verpasse keinen Gewinner“ ist formal richtig und ökonomisch fast bedeutungslos. Die Frage lautet nie, ob du dabei warst, sondern immer: mit welchem Gewicht?
Vom Dow Jones des Jahres 1896 ist kein einziges Unternehmen übrig
Als Charles Dow im Mai 1896 seinen Industrieindex startete, bestand er aus zwölf Unternehmen, und die Liste las sich wie ein Querschnitt der Wirtschaft des 19. Jahrhunderts: Baumwollöl, Zucker, Tabak, Gas, Blei, Leder und Gummi. Das letzte dieser Gründungsmitglieder, General Electric, flog im Juni 2018 aus dem Index, und keines der zwölf ist heute noch dabei. Der Dow steht also nicht deshalb dort, wo er steht, weil seine Unternehmen so gut gealtert wären, sondern weil der Index die Verlierer immer wieder gegen die neuen Gewinner ausgetauscht hat.
Abgelöst wurden die Spitzenreiter auf zwei Wegen. Meistens durch technologischen Wandel, weil eine neue Technik das alte Geschäftsmodell überflüssig machte, und manchmal durch den Staat, wenn ein Unternehmen so mächtig geworden war, dass die Kartellbehörden eingriffen: 1911 zerschlug der Oberste Gerichtshof der USA Standard Oil in 34 Einzelgesellschaften, 1984 wurde AT&T in sieben regionale Telefongesellschaften aufgespalten, und auch gegen die heutigen Plattformkonzerne laufen Kartellverfahren.
Warum das erst mal für den Index spricht
Wenn nicht einmal jedes vierzigste Unternehmen alles erklärt und niemand vorher weiß, welches, dann ist „kauf einfach alle“ keine Kapitulation, sondern eine ausgesprochen kluge Antwort. Genau das leistet ein Welt-ETF: Er nimmt jeden künftigen Gewinner automatisch auf und lässt sein Gewicht mit seinem Börsenwert wachsen, ohne dass du irgendetwas prognostizieren musst. Das ist die eigentliche Leistung, und sie ist beträchtlich.
Es waren nie dieselben Gewinner, und der beste Beleg ist Japan
Rückblickend wirken Marktführer immer zwangsläufig. Heute erscheinen Nvidia, Microsoft, Apple, Alphabet und Amazon wie Naturgesetze. Also drehen wir die Uhr zurück, und zwar weiter, als es in dieser Diskussion üblich ist.
Um 1900 waren die Börsenschwergewichte Eisenbahngesellschaften. Der Dow Jones Railroad Average war älter als sein industrieller Bruder, weil Schienen damals die Infrastruktur waren, in die alles Kapital floss. Wer 1900 „den Markt“ kaufte, kaufte überwiegend Transport.
In den 1920ern zog die Elektrifizierung: Radio, Automobil, Stahl. Die Radio Corporation of America war die Nvidia ihrer Zeit, stieg bis 1929 auf ein Vielfaches ihres Ausgangskurses und verlor anschließend über 95 Prozent. Ein Jahrhundert-Gewinner, der zum Jahrhundert-Verlierer wurde, ohne dass sich die Technologie als falsch erwiesen hätte. Falsch war nur der Preis.
In den 1950ern und 1960ern führten IBM, AT&T, General Motors und Standard Oil of New Jersey, die heutige Exxon, bevor die sogenannten Nifty Fifty wie Xerox, Polaroid, Kodak und Avon als „Aktien, die man nie verkauft“ galten. Drei dieser vier Namen existieren heute praktisch nicht mehr.
Und dann kam Japan. Ende 1989 machte der japanische Aktienmarkt 45 Prozent des MSCI World aus. Acht der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt waren japanisch, fünf davon Banken. Wer damals einen Weltindex kaufte, kaufte fast zur Hälfte Japan, nicht weil er sich für Japan entschieden hätte, sondern weil der Markt es so bewertete. Heute liegt Japans Gewicht bei rund fünf bis sechs Prozent, und der Nikkei brauchte vierunddreißig Jahre bis zu einem neuen Höchststand.
Danach folgten PC und Internet mit Microsoft, Cisco, Intel und Oracle; nach dem Platzen der Blase Energie, Rohstoffe und der China-Boom; ab 2009 Smartphones, Cloud und Plattformen; ab 2016 die Verdichtung in wenigen US-Konzernen; und seit 2023 die KI-Infrastruktur mit Nvidia, Broadcom, TSMC und SK Hynix.
Der ehrliche Einwand: manche Namen bleiben doch
Wer diese Liste aufmerksam liest, wird protestieren: Microsoft taucht in fast jeder Epoche auf, Apple und Amazon halten sich seit über fünfzehn Jahren oben. Stimmt, und das ist wichtig: Es ist nicht so, dass alle paar Jahre komplett neue Namen erscheinen. Ein paar Konzerne haben sich mehrfach neu erfunden, und wer sie früh gekauft und nie verkauft hat, wurde dafür fürstlich bezahlt.
Nur waren neben ihnen jedes Mal andere ganz oben, die es heute nicht mehr sind. Cisco war im Jahr 2000 das wertvollste Unternehmen der Welt und notiert bis heute unter seinem damaligen Höchstkurs. Intel führte die Halbleiterwelt an und ist heute ein Sanierungsfall. General Electric, Exxon, Nokia, IBM, die japanischen Banken, sie alle waren einmal die Spitze des Index. Die Frage ist deshalb nicht, ob es Dauerläufer gibt, sondern ob du sie vorher erkennst. Und genau da ist der Weltindex unschlagbar: Er muss es nicht erkennen. Er nimmt jedes neue Unternehmen automatisch auf, auch solche, die es heute noch gar nicht gibt, und lässt die alten leise herausfallen, ohne dass du eine einzige Entscheidung treffen musst.
Das ist das stärkste Argument für den Autopiloten, das dieser Artikel kennt, und es ist zugleich das stärkste Argument dagegen, ihn ständig zu korrigieren. Wer 1989 fand, Japan sei mit 45 Prozent zu hoch gewichtet, lag richtig. Wer 2010 fand, Schwellenländer gehörten höher gewichtet, lag falsch. Beide hätten dieselbe Begründung angeführt: dass der Markt gerade übertreibt.
Und trotzdem: dabei sein reicht nicht
Hier kommt der Haken, den die Studie nicht beantwortet, weil sie ihn gar nicht stellt. Bessembinder misst, was die Gewinner für den Markt bedeuteten. Für dein Depot zählt aber nicht die Rendite der Aktie, sondern ihr Beitrag, und der ist näherungsweise Positionsgewicht × Rendite.
Rechne es an zwei Fällen durch, beide in einem Depot von 10.000 Euro:
Der spektakuläre Gewinner: 0,05 Prozent Gewicht, also fünf Euro Einsatz, macht plus 200 Prozent. Dein Gewinn: zehn Euro, umgerechnet 0,10 Prozentpunkte Portfoliorendite.
Der langweilige Kern: 5 Prozent Gewicht, also 500 Euro, macht plus 20 Prozent. Dein Gewinn: 100 Euro, also ein voller Prozentpunkt.
Der Langweiler hat zehnmal so viel bewegt wie die Verdreifachung. Und derselbe Prozentsatz bedeutet je nach Vermögen etwas völlig anderes: 0,01 Prozent sind bei 5.000 Euro genau 50 Cent, bei 500.000 Euro 50 Euro und bei fünf Millionen 500 Euro. Wer wenig Kapital hat, hat deshalb nicht dasselbe Problem wie jemand mit viel, denn für ihn ist die Frage, mit welchem Gewicht er dabei ist, ungleich wichtiger als die Frage, ob er überhaupt dabei ist.
Das ist kein Argument gegen den Index. Es ist ein Argument gegen den Satz, mit dem jede Diskussion beendet wird: „Mit einem Welt-ETF verpasst du keinen Gewinner.“ Stimmt. Du nimmst ihn nur in einer Dosis mit, die nichts verändert, bis er groß genug ist, um zu zählen. Und dann hättest du ihn auch mit den größten hundert Titeln erwischt.
Die GegenprobeWas hat der SpaceX-Absturz im Depot wirklich gekostet?
Einem MSCI-World-Anleger hat der SpaceX-Absturz praktisch nichts gekostet, weil der Index die Aktie erst zum Schlusskurs vom 26. Juni bei 153,23 Dollar gekauft hat und sie Anfang September mit 153,47 Dollar fast genau dort stand. Und selbst eine Kursbewegung von zehn Prozent verändert ein Welt-ETF-Depot von 10.000 Euro nur um knapp einen Euro, weil SpaceX im MSCI World bislang mit knapp 0,1 Prozent gewichtet ist.
Kaum ein Thema hat ETF-Anleger 2026 so aufgeregt wie der Börsengang von SpaceX am 12. Juni. Die Indexanbieter hatten ihre Regeln eigens angepasst, damit das Unternehmen trotz eines Streubesitzes von anfangs nur rund fünf Prozent schnell in die großen Indizes aufgenommen werden konnte, und in den Foren war schnell von „Zwangsinvestition“ die Rede: Wer einen Index-ETF besitzt, kauft automatisch mit, ob er will oder nicht. Die Aktie startete bei 135 Dollar, schloss den ersten Tag bei 161, lief am 16. Juni zwischenzeitlich bis auf 225,64 Dollar und rutschte am 15. Juli erstmals unter den Ausgabepreis, wo sie bis in den August hinein blieb. Anfang September stand sie bei 153,47 Dollar.
Dass frisch gelistete Aktien nach dem Ende der Haltefristen unter Druck geraten, ist dabei kein SpaceX-Phänomen, sondern der Normalfall: Sobald Früh- und Altinvestoren verkaufen dürfen, kommt Angebot auf den Markt. Bei SpaceX wurden am 6. August auf einen Schlag 911 Millionen zusätzliche Aktien handelbar.
Rechnen wir aus, was das für dein Depot bedeutet, und zwar mit dem echten Streubesitz statt mit einer Simulation. Ein Index gewichtet nach frei handelbaren Aktien, nicht nach Gesamtbewertung. Bei der Aufnahme hat MSCI nur die 555,6 Millionen Aktien aus dem Börsengang als Streubesitz gezählt, das sind zum Kurs von Anfang September rund 85 Milliarden Dollar, und gemessen an den 91,7 Billionen Dollar Free-Float-Marktkapitalisierung des MSCI World ergibt das knapp 0,1 Prozent Indexgewicht. In einem Depot von 10.000 Euro stecken also rund neun Euro in SpaceX, zehn Prozent Kursbewegung sind knapp ein Euro, und ein einzelner Prozentpunkt sind neun Cent.
Die 911 Millionen Aktien, die am 6. August aus der Haltefrist kamen, zählt der Index erst mit, wenn er den Streubesitz bei einer seiner nächsten Überprüfungen neu festsetzt, und erwartet wird das beim Rebalancing im Dezember. Dann steigt das Gewicht zum heutigen Kurs auf knapp 0,25 Prozent, und zehn Prozent Kursbewegung bewegen ein Depot von 10.000 Euro um knapp 2,50 Euro, was an der Größenordnung nichts ändert.
Eigene Rechnung, Stand 10. September 2026. Marktkapitalisierung des MSCI World laut MSCI-Factsheet vom 31. August 2026 (91.704.810 Mio. USD). Indexgewicht näherungsweise als Streubesitz-Marktkapitalisierung geteilt durch die Free-Float-Marktkapitalisierung des Index; die tatsächliche Gewichtung legt der Indexanbieter in seinen Reviews fest.
Und selbst die spektakulären Kurssprünge hat der Indexanleger kaum mitgemacht, weil ein Index erst nach der Aufnahme kauft. MSCI hat SpaceX mit Wirkung zum 29. Juni in den MSCI World aufgenommen, die Indexfonds kauften also zum Schlusskurs vom Freitag, dem 26. Juni, und der lag bei 153,23 Dollar, rund ein Drittel unter dem Hoch vom 16. Juni. Der Nasdaq-100 folgte am 7. Juli bei rund 158 Dollar. Wer über den MSCI World investiert war, hat den Hype also nicht mitgefeiert, den Absturz unter den Ausgabepreis zwar auf dem Papier mitgemacht, steht aber Anfang September fast exakt dort, wo sein Fonds eingestiegen ist. Das ist keine Panne des Systems, das ist das System.
Wer also drei Abende am Stammtisch oder in Foren darüber diskutiert, ob SpaceX sein Depot vergiftet, beschäftigt sich mit einem Betrag in der Größenordnung einer Kugel Eis. Die Zeit wäre besser in Fragen investiert, die für sein Depot tatsächlich arbeiten, statt sich über etwas aufzuregen, das keinen messbaren Einfluss hat. Und wer 100 Euro im Monat spart, merkt SpaceX nach einem Jahr nicht einmal: Sein Anteil daran liegt bei gut einem Euro.
Die GrößenordnungLohnt sich ein ETF-Wechsel, wenn die Gebühren um 0,05 Prozent sinken?
Ein ETF-Wechsel wegen 0,05 Prozent niedrigerer Gebühren lohnt sich in den meisten Fällen nicht, weil es bei 10.000 Euro Depotwert um fünf Euro im Jahr geht, du beim Verkauf eines gewachsenen Bestands aber sofort Steuern auf die aufgelaufenen Gewinne zahlst. Der Wechsel rechnet sich dann oft erst nach vielen Jahren, falls überhaupt.
2026 lieferte die Vorlage: DWS senkte die Pauschalgebühr des Xtrackers FTSE All World zum 1. Juni von 0,12 auf 0,07 Prozent, Vanguard zog beim FTSE All World zum 28. Juli von 0,19 auf 0,14 Prozent nach. Prompt füllten sich die Foren mit Menschen, die ernsthaft darüber nachdachten, ihr halbes Depot umzuschichten, während die Frage, ob der Index überhaupt der richtige Baustein ist, deutlich größere Beträge bewegt.
Fünf Basispunkte sind bei 10.000 Euro fünf Euro pro Jahr. Beim laufenden Sparplan ist der Wechsel harmlos, denn du kaufst künftig einfach den anderen. Beim Umschichten eines gewachsenen Bestands dagegen löst du sofort Abgeltungsteuer auf alle Buchgewinne aus, also Geld, das ab da nicht mehr für dich arbeitet und dessen Zinseszins du für fünf Euro im Jahr eintauschst. Dazu kommt eine Wahrscheinlichkeit, die in keiner dieser Diskussionen auftaucht: Die ETF-Anbieter buhlen derzeit mit Preissenkungen um Kunden, was für Anleger grundsätzlich eine gute Nachricht ist, und in einem Markt, in dem sich die Anbieter seit Jahren gegenseitig unterbieten, wird auch dein ETF seine Gebühren früher oder später senken. Garantiert ist das nicht, eine Glaskugel hat hier niemand, wahrscheinlich ist es allemal.
Aber der eigentliche Punkt ist ein anderer, und er ist unangenehm: Du beschäftigst dich mit dem falschen Thema. Du hast dich für den passiven Weg entschieden, weil du dich nicht mit Kapitalanlage beschäftigen wolltest. Und jetzt verbringst du Abende damit, fünf Basispunkte zu vergleichen, statt dich zu fragen, welches Unternehmen in den nächsten zehn Jahren zwanzig Prozent im Jahr abwerfen könnte, oder besser noch: statt dich um gar nichts zu kümmern, wie ursprünglich geplant. Das ist der Autopilot, bei dem du nicht ins Lenkrad greifst, sondern die Sitzheizung optimierst, während du an der Ausfahrt vorbeifährst.
Und wenn du schon an Kosten schraubst, dann wenigstens an der richtigen Schraube: Die TER ist nur das Preisschild. Wie gut ein ETF seinem Index tatsächlich folgt, zeigt die Tracking Difference, in die Wertpapierleihe, Replikationsmethode und Quellensteuern hineinspielen, und zwei Fonds mit identischer TER können dort spürbar auseinanderlaufen.
Das ParadoxWarum schlägt ein aktiv optimiertes ETF-Depot den Index nicht?
Ein optimiertes ETF-Depot schlägt den Index in der Regel nicht, weil du damit genau die Wette eingehst, die du dem Fondsmanager schon nicht zutraust, nur ohne dessen Research, ohne Zugang zu den Unternehmen und ohne seinen Informationsvorsprung am Markt. Du hast den passiven Weg gewählt, weil du erkannt hast, dass du den Index nicht schlägst, und jetzt versuchst du, ihn selbst zu schlagen.
Damit sind wir zurück beim Autopiloten. Es gibt zwei kohärente Haltungen, und beide sind respektabel. Die eine sagt: Ich habe keine Meinung über Regionen, Faktoren und Branchen, ich kaufe den Markt, wie er ist, und lasse ihn dreißig Jahre liegen. Die andere sagt: Ich habe sehr wohl eine Meinung, ich gewichte bewusst anders, und ich messe, ob mir das etwas bringt.
Die merkwürdige Variante liegt dazwischen: einen Welt-ETF kaufen, weil Eingreifen nichts bringt, und ihn dann permanent reparieren. Europa hoch, Schwellenländer auf dreißig Prozent, Equal Weight dazu, Small Caps ergänzen, KI-ETF kaufen, China wieder raus, Momentum rein, den Anbieter wegen fünf Basispunkten wechseln. Das Depot wird mit jedem Schritt komplizierter, die Begründung mit jedem Schritt dünner, und die einzige Frage, die zählt, wird nie gestellt: Hat sich dadurch das Verhältnis von Rendite und Risiko verbessert?
Wer ehrlich mit sich ist, wird zugeben, dass er die Antwort nicht kennt. Das ist keine Schande. Eine Schande ist nur, ein Verfahren zu wählen, weil man an seine Überlegenheit glaubt, und es dann heimlich durch genau das Verfahren zu ersetzen, das man gerade abgelehnt hat.
Wo dein Depot steht
100 % Welt-ETF: Du akzeptierst die Marktgewichtung. Das ist eine passive Strategie.
70/30 mit Emerging Markets: aktive Regionenwette.
Welt + Europa: du übergewichtest Europa.
Equal Weight: du ersetzt Marktkapitalisierung durch eine andere Regel und kaufst dir ein Size-Exposure plus Rebalancing-Effekt ein.
Momentum, Value, Small Cap: Faktorwetten.
Themen-ETF: die konzentrierteste Wette von allen.
An keiner dieser Entscheidungen ist etwas falsch. Falsch ist nur, sie für Nicht-Entscheidungen zu halten und sich deshalb nie an ihnen messen zu lassen.
Die Hierarchie, an der sich alles entscheidet
Nicht jede Stellschraube hat dieselbe Größenordnung, und die Reihenfolge ist unbequem, weil sie genau umgekehrt zur üblichen Aufmerksamkeit verläuft. Ganz unten, mit der größten Wirkung, stehen deine Sparrate, deine Haltedauer, deine Aktienquote und dein Verhalten im Crash. In der Mitte folgen Regionen, Faktoren und Konzentration. Ganz oben, mit der kleinsten Wirkung: Anbieter, Basispunkte, Produktdetails.
Dass die meisten oben anfangen, ist psychologisch völlig verständlich: Fünf Basispunkte kann man kontrollieren, den nächsten Crash nicht. Nur wird eben optimiert, was sich optimieren lässt, und nicht das, was über das Ergebnis entscheidet.
Die sieben Fragen
1. Welchen Verlust hältst du wirklich aus? Nicht theoretisch, sondern wenn aus 100.000 Euro 65.000 werden und dein Nachbar erzählt, er sei rechtzeitig raus.
2. Welche Aktienquote folgt daraus? Diese Zahl bestimmt dein Ergebnis stärker als jede Regionenwette.
3. Welche Risiken besitzt du mehrfach? Wenn dein KI-ETF dieselben fünf Unternehmen hält wie die Spitze deines Welt-ETFs und du zwei davon zusätzlich einzeln hältst, hast du keine Streuung gekauft, sondern dieselbe Wette dreimal bezahlt.
4. Welche Positionen sind groß genug, um dein Ergebnis zu verändern? Alles unter einem halben Prozent ist Dekoration.
5. Verbessert die nächste Beimischung das Rendite-Risiko-Verhältnis, oder fügt sie nur eine Zeile hinzu? Wenn du es nicht ausrechnen kannst, ist die Antwort meistens: eine Zeile.
6. Was passiert bei steigenden Zinsen, fallendem Dollar, einer Neubewertung von Technologie? Wenn alle drei dasselbe mit deinem Depot machen, ist es weniger gestreut, als die Zeilenzahl suggeriert.
7. Und die unbequemste: Woran würdest du merken, dass deine Optimierung nichts gebracht hat? Ein Fondsmanager hat darauf eine Antwort. Sie heißt Benchmark.
Wer den Markt einfach besitzen will, kann genau das tun: Welt-ETF, Sparplan, liegen lassen. Autopilot eben. Wer die Marktgewichtung korrigieren will, darf das auch, sollte dann aber messen, ob die Korrektur etwas verbessert hat, statt sie einfach für vernünftig zu halten, weil sie sich vernünftig anfühlt.
Denn passiv hört nicht erst dort auf, wo du eine Einzelaktie kaufst. Passiv hört dort auf, wo du entscheidest, dass der Markt falsch gewichtet ist. Und ab da bist du das, was du eigentlich vermeiden wolltest: ein aktiver Manager. Nur ohne Research-Abteilung, ohne Benchmark und ohne jemanden, der dich fragt, ob es funktioniert hat.
Ist 70/30 besser als 100 Prozent MSCI World?
Im Gegenteil, er löst ein echtes Problem elegant: Du musst keine Unternehmen analysieren, keinen Gewinner erraten und triffst praktisch keine laufende Entscheidung. Gerade weil Aktienrenditen extrem schief verteilt sind und 2,4 Prozent der Unternehmen die gesamte Vermögensschaffung erklären, ist „alle kaufen“ eine kluge Antwort. Die Kritik in diesem Artikel richtet sich nicht gegen den Welt-ETF, sondern gegen den Widerspruch, ihn zu kaufen und dann permanent zu korrigieren.
Wie viel Emerging Markets sollte man beimischen?
Eine allgemeingültig richtige Quote gibt es nicht, weil das rechnerisch beste Rendite-Risiko-Verhältnis mit dem Betrachtungszeitraum wandert. Über den vollen Zeitraum seit 1987 lag es in Euro bei 34 Prozent Schwellenländern, wer ab 1994 oder ab 2008 rechnet, landet bei null, und Ende 2010 hätte dieselbe Rechnung sogar 100 Prozent ergeben. 70/30 ist deshalb kein Fehler, aber eine bewusste Entscheidung und keine neutrale Abbildung des Weltmarkts, denn nach Marktkapitalisierung wären Schwellenländer deutlich kleiner gewichtet. Wer 30 Prozent beimischt, holt sich vor allem asiatische Halbleiter ins Depot: TSMC allein wiegt im MSCI Emerging Markets über 15 Prozent.
Wie viele Aktien braucht ein ETF-Depot wirklich?
Rechnerisch bringt der Schritt von 100 auf 1.300 Titel in unserem Modell noch 0,25 Prozentpunkte weniger Schwankung. Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Ein späterer Gewinner wandert auf seinem Weg nach oben zwangsläufig durch die größten hundert Titel hindurch, du bekommst ihn also auch dort, nur eben nicht in der Phase, in der er 0,02 Prozent wog und dir sechs Euro gebracht hätte. Ein konzentriertes Depot ist trotzdem eine aktive Strategie mit mehr Arbeit und mehr Fehlermöglichkeiten. Es ist nur nicht automatisch schlechter gestreut.
Lohnt sich ein ETF-Wechsel wegen niedrigerer TER?
Rechne es vorher aus. Fünf Basispunkte sind bei 10.000 Euro fünf Euro im Jahr. Bei einem laufenden Sparplan ist der Wechsel meist unproblematisch, du kaufst künftig einfach den anderen. Beim Umschichten eines gewachsenen Bestands wird die Steuer auf realisierte Gewinne den Kostenvorteil dagegen oft um viele Jahre überholen. Und prüfe die Tracking Difference statt nur die TER.
Modellrechnungen und historische Auswertungen, keine Prognose und keine Anlageberatung. Historische Renditen sagen nichts über künftige Ergebnisse. Jede rückblickend „optimale“ Portfoliozusammensetzung hängt vom gewählten Zeitraum, der Währung, dem risikofreien Zins sowie den verwendeten Schwankungs- und Korrelationsschätzungen ab. Alle Indexreihen: MSCI Gross Total Return (Dividenden wieder angelegt), in Euro umgerechnet mit den EZB-Referenzkursen zum Monatsende, vor 1999 mit dem D-Mark-Kurs der Bundesbank. Risikoloser Zins für die Sharpe Ratio: deutsches Dreimonatsgeld bis 1998, danach 3-Monats-Euribor.