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FIRE & Entnahme · Asset Location

Vier Prozent, fertig — warum diese Formel dein FIRE-Portfolio töten kann

Mit 40 Jahren vor dir ist ein Crash ein Achselzucken. Am Tag vor der ersten Entnahme ist derselbe Crash eine Katastrophe. Die Rendite ist identisch — es ist die Reihenfolge, die über alles entscheidet.

Über Aufbau wird viel geschrieben. Über das Gegenteil — das geordnete Herausnehmen — fast nichts. Die 4-Prozent-Regel klingt wie ein Abschluss. Sie ist der Anfang einer anderen Frage: Was passiert, wenn die schlechten Jahre zu früh kommen? Hier liegt beides auf dem Tisch — gerechnet, ohne Blaupause.

Der DenkfehlerWarum ein Depot trotz 8 % Durchschnittsrendite pleitegeht

Durchschnitte beruhigen — und täuschen. In der Entnahmephase entscheidet nicht die langfristige Mittelrendite, sondern wann die schlechten Jahre kommen.

Ein Aktienmarkt liefert keine lineare Rendite. Er liefert +22 %, −18 %, +9 %, −31 %, +14 % — und irgendwann daraus im Durchschnitt vielleicht 8 %. Für jemanden, der noch spart, ist das verkraftbar. Für jemanden, der entnimmt, ist es strukturell gefährlich.

In der Entnahmephase musst du regelmäßig Geld aus dem Depot ziehen. Wenn das Depot gerade gefallen ist, verkaufst du mehr Anteile, um denselben Eurobetrag zu finanzieren. Diese Anteile können später nicht mehr an der Erholung teilnehmen. Die langfristige Durchschnittsrendite kann gut aussehen — während der konkrete Entnahmepfad tödlich ist.

Durchschnittsrenditen glätten die Realität. In der Entnahmephase ist die Reihenfolge wichtiger als der Durchschnitt.

Der BeweisDerselbe Crash, zwei Welten

Wir nehmen dieselben 25 historischen MSCI-World-Jahresrenditen — einmal mit dem Crash am Anfang, einmal am Ende. Gleiche Durchschnittsrendite, gleiche Entnahme von 40.000 € aus 1 Mio. €. Ergebnis: Faktor 13.

Das lässt sich nicht wegdiskutieren, sondern beweisen. Gleicher Durchschnitt (5,7 % real), andere Reihenfolge:

Identische Renditen (Ø 5,7 % real), zwei Reihenfolgen — 40.000 € Entnahme/Jahr 0,0M0,5M1,0M1,5M2,0M2,5M3,0M0510152025 Jahr der Entnahme Crash am Ende 1.467.516 €Crash zuerst 112.611 €
Identische Renditen, nur andere Reihenfolge — nach 25 Jahren: Crash am Ende: 1.467.709 € (Vermögen wächst trotz Entnahme) Crash zuerst: 112.672 € (Depot fast aufgezehrt) Faktor 13 — allein durch die Reihenfolge.

Wer mit 40 noch einzahlt, kann einen Crash sogar begrüßen: Er kauft billig und hat Jahrzehnte zur Erholung. Wer morgen die erste Entnahme braucht, verkauft im selben Crash Anteile zu Tiefstkursen — und genau die fehlen für die Erholung. Das Risiko der Märkte ändert sich nicht. Was sich ändert, ist deine Fähigkeit, es auszusitzen.

In der Ansparphase ist die Reihenfolge der Jahre fast egal. In der Entnahmephase ist sie alles.

Das FensterWarum die ersten zehn FIRE-Jahre über alles entscheiden

Ein schwerer Crash in den ersten FIRE-Jahren beschädigt das Portfolio dauerhaft — weil weniger Kapital die Erholung mitmacht. Trifft derselbe Crash nach 20 Jahren, ist das System robuster.

In dieser frühen Phase ist das Depot noch groß genug, um langfristig zu tragen, aber gleichzeitig anfällig für frühe Schocks. Passiert derselbe Crash erst nach 20 Jahren, hatte das Depot bereits Zeit zu wachsen und die Erholung trifft ein stabileres System.

Das ist der Kern des Sequenzrisikos: Nicht nur die Höhe der Rendite zählt, sondern die Reihenfolge. Deshalb ist FIRE in den ersten Jahren kein Renditethema. Es ist ein Überlebensthema. Die bessere Frage lautet nicht: Welche Rendite erwarte ich langfristig? Die bessere Frage lautet: Was passiert, wenn die ersten Jahre nach meinem FIRE-Start genau die schlechtesten werden?

Der KontextWarum vier Prozent nicht immer vier Prozent sind

Vier Prozent bei niedrigen Bewertungen sind nicht dasselbe wie vier Prozent bei einem CAPE von 38. Eine sichere Entnahmerate ist immer relativ zum Marktregime — nie absolut.

Die 4-Prozent-Regel wird oft so behandelt, als wäre sie eine Naturkonstante. Das ist sie nicht. Das Shiller CAPE setzt den Aktienmarkt ins Verhältnis zu den inflationsbereinigten Unternehmensgewinnen der vergangenen zehn Jahre. Wenn Aktienmärkte sehr teuer bewertet sind, fallen die künftigen Renditeerwartungen häufig niedriger aus — dann ist eine fixe Entnahmerate riskanter.

Sichere Entnahmeraten aus historischen Studien sind Belastungstests, keine Garantien. Sie basieren meist auf US-Daten. Wer in Deutschland lebt, andere Steuern zahlt und GKV-Kosten als freiwillig Versicherter trägt, kann diese Ergebnisse nicht blind übernehmen. Die bessere Frage: Welche Entnahmeregel überlebt möglichst viele schlechte Kombinationen aus Crash, Inflation und Steuern?

Die MechanikWas verkaufst du zuerst?

In Deutschland ist diese Wahl teilweise vorgegeben: Innerhalb einer Position gilt FIFO — die ältesten Anteile gehen zuerst. Steuern kannst du nur, welches Wertpapier du anfasst und wie viel Gewinn du realisierst.

Daraus ergeben sich die echten Stellschrauben — nüchtern, ohne dass eine davon die richtige für jeden wäre:

Die steuerlichen Hebel in der Entnahme:
  • Sparer-Pauschbetrag — rund 1.000 € (Verheiratete 2.000 €) Gewinn pro Jahr bleiben steuerfrei; gezielt ausschöpfen.
  • Verluste realisieren — füllt den Verlustverrechnungstopf und verrechnet künftige Gewinne; in der Entnahmephase meist begrenzt, weil Gewinne überwiegen.
  • Aktien-ETF bevorzugen — 30 % Teilfreistellung machen die Entnahme dort steuerlich günstiger als aus voll steuerpflichtigen Quellen.
  • Thesaurierend statt ausschüttend — du bestimmst den Realisierungszeitpunkt selbst; Preis ist die Vorabpauschale als kleine laufende Steuer.

Und die Dividende? Sie wirkt bequem, ist aber kein Zaubertrick: Sie kommt automatisch und wird besteuert, ob du das Geld brauchst oder nicht — laufende Steuer ohne Wahl des Zeitpunkts. Wer selbst verkauft, behält die Kontrolle über das Wann.

Die ÜbersichtWelche Strategie passt zu welcher Lage?

Es gibt keine beste Entnahmestrategie — nur eine, die zu deinem Abstand zur Kante, deinem Steuerprofil und deinem Schlaf passt.

Was jede Strategie optimiert — und was sie kostet:
  • Voll investiert, nach Bedarf verkaufen — maximale erwartete Rendite. Preis: volles Sequenzrisiko, Verkauf auch im Tief.
  • Bekannter Kurzfristbedarf in Cash/Anleihen — Schutz vor erzwungenem Verkauf zum falschen Zeitpunkt. Nicht als Rendite-Strategie, sondern als Sicherheitsventil für absehbare Ausgaben.
  • Dividendenstrategie — Cashflow ohne aktives Verkaufen. Preis: erzwungene laufende Steuer, Klumpenrisiko, mögliche Dividendenkürzungen im Crash.
  • Nur bis Sparer-Pauschbetrag realisieren — minimale Steuer. Grenze: deckt keinen echten Lebensbedarf — ein Baustein, keine Vollstrategie.
  • Dynamisch / flexible Entnahme — in guten Jahren mehr, in schlechten weniger. Verbindet vieles, verlangt aber Disziplin und ein variables Budget.

Risiko ändert sich nicht mit dem Alter. Was sich ändert, ist deine Fähigkeit, es auszusitzen — und genau das entscheidet, wie viel Puffer du brauchst.

Wie hält dein Depot eine Entnahme aus?

Der Freiheitsrechner simuliert deine Entnahmephase gegen echte historische Crash-Sequenzen — und zeigt, wo dein Depot trägt und wo es kippt. Nicht der Durchschnitt. Die Reihenfolge.

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FAQHäufige Fragen

Ist die Sequenzrisiko-Rechnung nicht ein konstruierter Extremfall?

Die Renditen sind echt (MSCI World, historische Realrenditen, Ø 5,7 % real), nur die Reihenfolge wurde getauscht. Genau das ist der Punkt: Derselbe Durchschnitt führt je nach Reihenfolge zu völlig verschiedenen Ergebnissen. Ob ein realer Ruhestand früh oder spät auf einen Crash trifft, weiß niemand im Voraus — das Risiko ist real, nicht konstruiert.

Gilt die 4-%-Regel auch für Deutschland?

Nur bedingt. Die Studie basiert auf US-Daten (S&P 500, US-Anleihen) von 1926 bis 1994. Für deutsche Anleger kommen Abgeltungsteuer, Vorabpauschale, GKV-Kosten als freiwillig Versicherter und GRV-Ansprüche hinzu — alles Faktoren, die die reale Entnahmerate und den Kapitalbedarf beeinflussen.

Warum kann ich nicht einfach die Verlierer zuerst verkaufen?

Innerhalb derselben Position (gleiche ISIN) gilt das FIFO-Prinzip: Die zuerst gekauften Anteile werden zuerst verkauft. Du kannst die Tranche nicht frei wählen. Steuern kannst du nur, welches Wertpapier du anfasst und wie viel Gewinn du in einem Jahr realisierst.

Was schützt am besten gegen Sequenzrisiko?

Die Forschung zeigt drei Hebel: flexible Ausgaben (in schlechten Jahren weniger entnehmen), ein steigender Aktien-Glidepath (zu Beginn etwas konservativer, dann steigend) und eine niedrigere Startentnahmerate bei hohen Bewertungen. Kein einzelner Hebel reicht — das Gesamtsystem muss robuster werden.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Die Simulationen basieren auf historischen MSCI-World-Renditen (real, Ø-Inflation 2 %) und unterstellen diszipliniertes Verhalten ohne Kosten und Währungseffekte. Historische Verläufe sind keine Vorhersage. Steuerregeln (Sparer-Pauschbetrag, Teilfreistellung, FIFO, Vorabpauschale) hängen vom Einzelfall ab. Entscheidungen triffst du eigenverantwortlich oder mit individueller Beratung.

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