Über Aufbau wird viel geschrieben. Über das Gegenteil — das geordnete Herausnehmen — fast nichts. Dabei stellt sich dort die eigentlich harte Frage: Was verkaufst du, wenn du leben musst, was der Markt dir gerade gibt? Und solltest du überhaupt Cash halten? Hier liegt beides nüchtern auf dem Tisch — gerechnet, ohne Blaupause.
Der KernWarum derselbe Crash mit 40 und mit 65 nicht dasselbe ist
In der Ansparphase ist die Reihenfolge der Renditejahre fast egal — am Ende zählt der Durchschnitt. In der Entnahmephase ist die Reihenfolge alles, weil ein früher Crash Substanz vernichtet, die nie wieder mitwächst.
Das lässt sich nicht wegdiskutieren, sondern beweisen. Wir nehmen dieselben 25 Jahresrenditen — historische MSCI-World-Werte, im Schnitt 5,7 % real — und legen sie einmal mit dem Crash am Anfang und einmal mit dem Crash am Ende an. Gleicher Durchschnitt, gleiche Entnahme von 40.000 € pro Jahr aus 1 Mio. €. Das Ergebnis:
Wer mit 40 noch einzahlt, kann einen Crash sogar begrüßen: Er kauft billig und hat Jahrzehnte zur Erholung. Wer morgen die erste Entnahme braucht, verkauft im selben Crash Anteile zu Tiefstkursen — und genau die fehlen für die Erholung. Das Risiko der Märkte ändert sich nicht. Was sich ändert, ist deine Fähigkeit, es auszusitzen.
In der Ansparphase ist die Reihenfolge der Jahre egal. In der Entnahmephase ist sie alles.
Der ehrliche GrundWozu dann überhaupt Liquidität?
Weil das Endvermögen in der Entnahmephase nicht das Einzige ist, was zählt — entscheidend ist, nie zum Zwangsverkäufer im Tief zu werden und nicht vorzeitig pleitezugehen.
Die Simulation oben unterstellt einen eisernen Anleger, der auch im Crash diszipliniert weiterverkauft und nie in Panik verfällt. In der Realität ist genau das der seltene Fall. Eine Reserve schützt gegen drei Dinge, die kein Renditevergleich abbildet: den Zwang, im Tief zu verkaufen; das Pleiterisiko in einer Sequenz ohne schnelle Erholung; und den eigenen Impuls, am Tiefpunkt alles hinzuwerfen. Du tauschst messbare erwartete Rendite gegen die Wahrscheinlichkeit, die schlimmsten Verläufe zu überleben.
Und damit schließt sich der Kreis zum Horizont: Je näher du an der Kante entnimmst — Richtung 4 % statt 3 % —, desto mehr ist die Reserve wert, weil sie dir die Zeit kauft, einen Crash auszusitzen statt hineinzuverkaufen. Mit dickem Polster braucht sie kaum jemand. Hier zeigt sich Asset Location von ihrer leisesten Seite: Liquidität ist auch eine Standortfrage — nicht nur, wie viel du hältst, sondern ob du im Crash Verkäufer sein musst oder warten kannst.
Die MechanikWas verkaufst du zuerst?
In Deutschland ist diese Wahl teilweise vorgegeben: Innerhalb einer Position gilt FIFO — die ältesten Anteile gehen zuerst. Steuern kannst du nur, welches Wertpapier du anfasst und wie viel Gewinn du realisierst.
Daraus ergeben sich die echten Stellschrauben — nüchtern, ohne dass eine davon die richtige für jeden wäre:
- Sparer-Pauschbetrag — rund 1.000 € (Verheiratete 2.000 €) Gewinn pro Jahr bleiben steuerfrei; gezielt ausschöpfen.
- Verluste realisieren — füllt den Verlustverrechnungstopf und verrechnet künftige Gewinne; in der Entnahmephase aber meist begrenzt, weil Gewinne überwiegen.
- Aktien-ETF bevorzugen — 30 % Teilfreistellung machen die Entnahme dort steuerlich günstiger als aus voll steuerpflichtigen Quellen.
- Thesaurierend statt ausschüttend — du bestimmst den Realisierungszeitpunkt selbst; Preis ist die Vorabpauschale als kleine laufende Steuer.
Und die Dividende? Sie wirkt bequem, ist aber kein Zaubertrick: Sie kommt automatisch und wird besteuert, ob du das Geld brauchst oder nicht — laufende Steuer ohne Wahl des Zeitpunkts. Wer selbst verkauft, behält die Kontrolle über das Wann.
Die ÜbersichtWelche Strategie passt zu welcher Lage?
Es gibt keine beste Entnahmestrategie — nur eine, die zu deinem Abstand zur Kante, deinem Steuerprofil und deinem Schlaf passt. Hier die Optionen, nüchtern, ohne Empfehlung:
- Voll investiert, nach Bedarf verkaufen — maximale erwartete Rendite. Preis: volles Sequenzrisiko, Verkauf auch im Tief.
- Bekannter Kurzfristbedarf — Wer weiß, dass er in drei Monaten eine größere Zahlung braucht, lagert diesen Betrag in kurzen Anleihen oder Cash. Nicht als Rendite-Strategie, sondern als Schutz vor einem erzwungenen Verkauf zum falschen Zeitpunkt.
- Dividendenstrategie — Cashflow ohne aktives Verkaufen. Preis: erzwungene laufende Steuer, Klumpenrisiko, gekürzte Dividenden im Crash.
- Nur bis Sparer-Pauschbetrag realisieren — minimale Steuer. Grenze: deckt keinen echten Lebensbedarf — ein Baustein, keine Vollstrategie.
- Dynamisch / flexible Entnahme — in guten Jahren mehr, in schlechten weniger. Verbindet vieles, verlangt aber Disziplin und ein variables Budget.
Risiko ändert sich nicht mit dem Alter. Was sich ändert, ist deine Fähigkeit, es auszusitzen — und genau das entscheidet, wie viel Liquidität du dir leisten willst.
Wie hält dein Depot eine Entnahme aus?
Der Freiheitsrechner simuliert deine Entnahmephase gegen echte historische Crash-Sequenzen — und zeigt, wo dein Depot trägt und wo es kippt. Nicht der Durchschnitt. Die Reihenfolge.
Zum Freiheitsrechner →FAQHäufige Fragen
Heißt das, eine Cash-Reserve ist sinnlos?
Nein. Sie ist nur kein Renditebooster, sondern eine Versicherung. Im Backtest endet „voll investiert" meist höher — aber die Reserve senkt das Risiko, im Crash zum Zwangsverkäufer zu werden oder vorzeitig pleitezugehen. Ob dir dieser Schutz den Renditeverzicht wert ist, hängt von deinem Abstand zur Kante ab.
Warum kann ich in Deutschland nicht einfach „die Verlierer zuerst" verkaufen?
Innerhalb derselben Position (gleiche ISIN) gilt das FIFO-Prinzip: Die zuerst gekauften Anteile werden zuerst verkauft. Du kannst die Tranche nicht frei wählen. Steuern kannst du nur, welches Wertpapier du anfasst und wie viel Gewinn du in einem Jahr realisierst.
Ist die Sequenzrisiko-Rechnung nicht ein konstruierter Extremfall?
Die Renditen sind echt (MSCI World, 2000–2024), nur die Reihenfolge wurde getauscht. Genau das ist der Punkt: Derselbe Durchschnitt führt je nach Reihenfolge zu völlig verschiedenen Ergebnissen. Ob ein realer Ruhestand früh oder spät auf einen Crash trifft, weiß niemand im Voraus — deshalb ist das Risiko real, nicht konstruiert.
Weiterlesung
WeiterlesungVier Prozent, fertig — warum diese Formel dein FIRE-Portfolio töten kann WeiterlesungWelche Aktien du zuerst verkaufen solltest WeiterlesungWie Family Offices Entnahmen managenWeiterlesen
- Aktien, ETFs oder Immobilien — welche Aufgabe welches Asset wirklich erfüllt
- Welche Aktien du zuerst verkaufen solltest — und warum die Reihenfolge Tausende Euro kosten kann
- Diversifikation versagt, wenn du sie brauchst: Korrelation im Crash
- Warum Asset Location ab einer gewissen Vermögensgröße wichtiger wird als die ETF-Auswahl
Übergeordnete Themen
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Die Simulationen sind vereinfachte Modelle auf Basis historischer MSCI-World-Renditen (real, Ø-Inflation 2 %) und unterstellen diszipliniertes Verhalten ohne Kosten und Währungseffekte. Historische Verläufe sind keine Vorhersage. Steuerregeln (Sparer-Pauschbetrag, Teilfreistellung, FIFO, Vorabpauschale) hängen vom Einzelfall ab und können sich ändern. Entscheidungen triffst du eigenverantwortlich oder mit individueller Beratung.